Wirtschaft : Zwischen Boom und Krise

Steigende Preise, schwierige Finanzierung: Experten sehen den Immobilienmarkt mit Sorge.

Eine gefährliche Preisblase bei Wohnimmobilien und wegbrechende Finanzierungen auf dem gewerblichen Investmentmarkt – die europäische Staatsschuldenkrise ist nach Einschätzung von Experten längst auch in der deutschen Immobilienbranche angekommen. Dem hiesigen Immobilienmarkt, über Jahrzehnte einer der stabilsten der Welt, drohe nun eine Überhitzung am einen Ende, getrieben vom Sicherheitsstreben der privaten Anleger, und eine lange Dürreperiode am anderen Ende, weil Banken mit Krediten für gewerbliche Immobilien knausern, warnten Branchenkenner am vergangenen Mittwoch einhellig auf einer Finanzkonferenz in Frankfurt am Main.

In Metropolen wie Berlin zahlten vermögende Privatanleger für Eigentumswohnungen und ganze Wohnblocks inzwischen Preise, die mitunter in keinem Verhältnis mehr stünden zum Wert der Immobilie, warnte Thomas Zinnöcker, Vorstandschef der börsennotierten Wohnungsgesellschaft GSW. Ähnliche Tendenzen sieht Michael Harms, Leiter Investmentstrategie bei der Bethmann Bank, die vermögende Privatkunden betreut. „Das sind Segmentblasen“, sagt er. „Dabei muss man sich eines klarmachen: Die risikofreie Anlage gibt es nicht mehr.“

Auf der anderen Seite stehen strategische Investoren, die auf dem gewerblichen Immobilienmarkt unterwegs sind. Dort rangeln sich immer mehr Bieter um die sogenannten Core-Objekte, vollvermietete Gebäude in besten Innenstadtlagen. Für alles andere gibt es kaum mehr Finanzierungen, da die Banken wegen der Schuldenkrise wieder vorsichtiger werden und Risiken meiden. „Die Immobilienfinanzierungsseite ist in schweren Nöten“, räumte Johann Berger, stellvertretender Vorstandschef der Helaba, ein. „Die Finanzierer bleiben extrem vorsichtig.“ Viele alte Kredite, in den Boomzeiten 2005 bis 2007 freizügig ausgereicht, laufen zudem in den nächsten Jahren aus – eine milliardenschwere Refinanzierungswelle, die nicht alle Spieler auf dem Markt überleben werden, betonte Ulrich Höller, Vorstandschef der Gewerbeimmobilienfirma DIC Asset. „Wir werden 2012/13 das eine oder andere Blutbad sehen“, prophezeite er. Den Banken, die selbst unter immer größerem Druck stünden, werde der Atem ausgehen. Sie dürften vielerorts die Reißleine ziehen, Darlehen nicht verlängern und zu Notverkäufen greifen.

Eine positivere Einschätzung des Immobilenmarktes hat vor einigen Tagen die Landesbausparkasse (LBS) abgegeben. Die Nachfrage nach Immobilien hat sich demnach kräftig belebt. Die Makler von LBS und Sparkassen verkauften von Januar bis September acht Prozent mehr Immobilien als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im dritten Quartal sei sogar ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr registriert worden, teilte der LBS-Verband mit. Die Makler führen das Wachstum unter anderem auf niedrige Zinsen zurück. Außerdem gelte Wohneigentum in der Krise als relativ sichere Anlage, sagte eine Sprecherin des Verbands.

Dies schlägt sich auch in höheren Preisen für Bestandsimmobilien nieder: Die von den LBS vermittelten Häuser seien im Schnitt drei Prozent teurer als im Vorjahr, bei Eigentumswohnungen seien die Preise um fünf Prozent gestiegen. LBS-Verbandsdirektor Hartwig Hamm sprach von einer „gesunden Aufholentwicklung“. Von einer „Preisblase“ zu sprechen sei unbegründet. Die Preise lägen im Schnitt immer noch mehr als zehn Prozent unter denen von 2000.rtr/dpa

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