Wirtschaft : Zwischen Wundertüte und Sklavenmarkt

BORIS REITSCHUSTER (HB)

NÜRNBERG . Die hitzigen Debatten gehören der Vergangenheit an: Als die private Arbeitsvermittlung vor fünf Jahren am 1. August 1994 in Deutschland erlaubt wurde, reichten die Reaktionen von der Hoffnung auf ein Job-Wunder bis zur Angst vor einem "Sklavenmarkt". "Von diesen beiden Extremen hat sich keines bewahrheitet", zieht Sieglinde Schneider, Sprecherin des Bundesverbandes Personalvermittlung, Bilanz: "Die private Arbeitsvermittlung ist ein gut etabliertes Instrument, aber kein Wundermittel." Nur gut 100 000 Arbeitnehmer haben die "Privaten" im vergangenen Jahr vermittelt - gegenüber 3,6 Millionen Menschen, die über die Arbeitsämter neue Stellen antraten, berichtet die Bundesanstalt für Arbeit. Gewerkschafter kritisieren, die "Privaten" beschränkten sich auf "leicht Vermittelbare" und pickten sich die Rosinen heraus.Vor langer Zeit galt private Arbeitsvermittlung noch als anstößig. Sie sollte ganz verboten oder streng begrenzt sein, heißt es etwa in einer Konvention der UN-Arbeitsorganisation von 1949. Während der Weltwirtschaftskrise hatten schwarze Schafe aus der Branche mit der Not der Arbeitslosen schnelles Geld gemacht. In Deutschland bekam deshalb der Staat das Monopol auf die Vermittlung von Stellen, bis 1994 der Europäische Gerichtshof diese Regelung in Frage stellte. Am 1. August 1994 fielen die meisten Grenzen für die private Arbeitsvermittlung, die sich bis dahin in der Regel auf Künstler beschränkt hatte.Die Bundesanstalt sieht in den rund 4000 lizensierten privaten Konkurrenten eine Bereicherung des Vermittlungs-Geschäftes: "Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet, von schwarzen Schafen ist uns nichts bekannt. Wir arbeiten gut zusammen. Uns ist jeder recht, der hilft, die Beschäftigung zu erhöhen", betont Manfred Leve. Der Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt in der Nürnberger Bundesbehörde kann sich solche Gelassenheit erlauben: Sah früher mancher angesichts der privaten Konkurrenz die Arbeitsämter auf dem absteigenden Ast, so belegen heute die Zahlen die Vormacht der Bundesanstalt. "Ein Arbeitsloser sollte alle Möglichkeiten nutzen", sagt Leve.Wer über die "Privaten" eine neue Stelle sucht, zeige Eigeninitiative, betont Verbandssprecherin Schneider: "Es gibt Fälle, in denen jemand ohne das Türenöffnen des Vermittlers nichts bekommen hätte. Der Gang zu uns ist eine zusätzliche Erfahrung, man bekommt Tips und Hinweise, und es entstehen keine Kosten." Vermittelt würden nicht nur hochqualifizierte Führungskräfte, sondern auch Helfer ohne besondere Ausbildung. Nach dem Gesetz muß für die private Arbeitsvermittlung stets der Arbeitgeber bezahlen. Die Provisionen liegen meist zwischen anderthalb und zwei Monatsgehältern, während die Vermittlung über die Arbeitsämter kostenlos ist. Bei den "Privaten" gebe es dafür zahlreiche Vorteile, sagt Reinhard Ebert, Arbeitsmarktexperte bei den Arbeitgeberverbänden. "Bei den Arbeitsämtern sind viele gemeldet, die gar keine neue Arbeit wollen. Bei den Privaten gibt es eine echte Vermittlung, sie suchen gezielt nach passenden Bewerbern, machen Tests, können sogar die Personalabteilung ersetzen."Die Gewerkschaften bleiben indes skeptisch: "Die privaten Vermittler sind weit hinter den Erwartungen und Versprechungen zurückgeblieben", zieht Johannes Jakob vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Bilanz. Meistens nähmen die "Privaten" nur Männer und Frauen auf, die als leicht vermittelbar gelten. Nur zehn bis 15 Prozent der Vermittelten seien zuvor arbeitslos gewesen, schätzt Jakob. "Der Effekt ist gering, vor allem bei den Arbeitslosen. Erwerbslose bekommt jeder von den Arbeitsämtern umsonst vermittelt, da ist es schwer einzusehen, warum man dafür Geld an Private bezahlen soll", sagt Hans-Heinrich Rubbert von der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft in Hamburg.

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