Wirtschaft : Zwischenstopp Erde

Die Kirchen sorgen sich nicht nur um das Seelenheil ihrer Gläubigen – sie sind zu großen Dienstleistern und Unternehmen geworden, die unter dem harten Wettbewerb leiden

Bernd Hops

Christus war kein großer Freund der Wirtschaft. Für die Geldwechsler und Viehhändler im Jerusalemer Tempel hatte er nur Fußtritte und Hiebe übrig. Von wohlhabenden Menschen hielt er ebenfalls nicht viel. Eher käme ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel, sagte er. Das Christentum musste sich jedoch erst einmal im Diesseits einrichten – und fand im Lauf der Zeit durchaus differenziertere Einstellungen zur Wirtschaft.

In Deutschland sind die beiden großen Kirchen, die evangelische und die katholische, nicht nur Seelsorger, sondern auch Unternehmen und große Arbeitgeber. Vor allem sind sie karitativ tätig, zum Beispiel in der Altenpflege oder anderen Sozialeinrichtungen. Die katholische Caritas und ihre Mitgliedsverbände beschäftigen etwa 495 000 Menschen, sagt Hans Wendtner, stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD). Die verfasste katholische Kirche habe zusätzlich 50 000 bis 70 000 Beschäftigte, wie zum Beispiel Priester.

Ähnlich sehen die Zahlen bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus. Helmut Herborg, Leiter der EKD-Finanzabteilung, beziffert die Angestellten in der Diakonie auf 600 000 und die der verfassten Kirche auf etwa 33 000. Damit arbeitet etwa jeder vierzigste Beschäftigte in Deutschland bei kirchlichen Einrichtungen.

„Die Kirche ist aber kein zentral gesteuerter Konzern mit gemeinsamer Bilanz“, sagt Herborg. Sie bestünden aus kleineren rechtlichen Einheiten wie Gemeinden, Bistümern, Diözesen und Verbänden. Doch selbst einige der kleineren Einheiten können beachtliche Größen erreichen. Zum Beispiel setzen die Bodelschwinghschen Anstalten, die sich ursprünglich um die Behindertenfürsorge kümmerten, mittlerweile aber auch Schulen und Kliniken betreiben, im Jahr fast 700 Millionen Euro um. Außerdem gibt es kirchliche Banken und Versicherungen, die Kirchenarbeit finanzieren und Beschäftigte versichern – und so Milliarden verwalten.

Auch an größeren Medienunternehmen sind die Kirchen beteiligt. Sie verlegen Bibeln – mehr als eine halbe Million Exemplare werden jedes Jahr von den kirchlichen Bibelwerken und privaten Verlagen verkauft. Aber auch größere Konzerne wie der Weltbild Verlag sind entstanden. Der hat sich vom Herausgeber religiöser Zeitschriften zu einem der größten Verlage in Deutschland entwickelt. Der Jahresumsatz erreichte 2002 rund 950 Millionen Euro, die Zahl der Beschäftigten 2950. Vor etwas mehr als 20 Jahren setzten gerade einmal 150 Mitarbeiter 12,8 Millionen Euro um. Gesellschafter sind eine Reihe katholischer Diözesen.

Der Weltbild Verlag ist profitabel. Das macht ihn zu einer Seltenheit in der Kirche. Die Firmen, die tatsächlich Gewinn abwerfen, reichen nicht aus, die Arbeit der Kirchen zu finanzieren. Die Haupteinnahmequelle der Kirchen in Deutschland ist deshalb immer noch die Kirchensteuer, sagt Hans Wendtner vom VDD. „Ohne die wären die Kirchen arm dran.“ Die Haushalte der Bistümer würden dadurch zu 80 Prozent finanziert, schätzt Wendtner. Die Kirchen besitzen zwar viele Immobilien und Grundstücke, räumt er ein. Aber aus der laufenden Bewirtschaftung gebe es keine großen Erträge – und mit einem Verkauf könne man schließlich nur einmal einen Gewinn erzielen.

Deshalb machen den Kirchen zwei Entwicklungen zu schaffen. Sie verlieren zum einen Mitglieder. Dadurch und durch die hohe Arbeitslosigkeit schwankt das Kirchensteueraufkommen seit zehn Jahren um die Marke von 8,5 Milliarden Euro – und hat durch Inflation stark an Wert verloren. „Der Staat nimmt im Vergleich dazu allein mit der Tabaksteuer etwa zwölf Milliarden Euro im Jahr ein“, sagt Herborg. Zum anderen stehen die Kirchen in ihrem Hauptgeschäftsfeld – der Pflege – zunehmend privater Konkurrenz gegenüber, die ihre Dienste oft günstiger anbieten kann als Caritas oder Diakonie.

Die katastrophale Lage wurde gerade erst in Berlin deutlich. Das Bistum hat die vergangenen Jahre auf Pump gelebt und ist überschuldet. Die übrigen Bistümer müssen nun helfen. „Berlin ist aber nicht wiederholbar, das wissen alle“, sagt Wendtner. In den kommenden Jahren kämen deshalb alle Kirchen um harte Sparmaßnahmen nicht herum.

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