Wirtschaftsboom : China überholt Deutschland

Das kommunistische Land wird drittgrößte Volkswirtschaft der Erde – und bald auch Exportweltmeister.

Stefan Kaiser,Harald Maass
Shanghai
Auf der Überholspur: China wird bald neuer "Exportweltmeister" sein.-Foto: ddp

Peking/BerlinDie chinesische Wirtschaft wächst in rasantem Tempo und ist dabei, Deutschland vom dritten Platz unter den größten Wirtschaftsnationen zu verdrängen. Um 11,9 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik im zweiten Quartal zu – so schnell wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Das gab das staatliche Statistikamt bekannt. Für das erste Halbjahr steht nun ein Plus von 11,5 Prozent zu Buche.

Damit sei man auf dem besten Weg, Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft – auf Platz eins und zwei liegen die USA und Japan – abzulösen, hieß es aus dem Amt. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass dies schon im laufenden Jahr passieren wird. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die heimische Wirtschaft als bereits überholt an – und das, obwohl sie im laufenden Jahr um ordentliche 2,8 Prozent wachsen soll, wie der BDI in seiner jüngsten Prognose mitteilte. Man rechne damit, dass Deutschland schon 2007 von Platz drei auf Platz vier der Wirtschaftsnationen fallen werde, sagte BDI-Hauptgeschäftsführung Klaus Bräunig in Berlin. Er verwies auf den Größenvorteil der 1,3 Milliarden Menschen zählenden Volksrepublik. "Wir sind im Vergleich zu China ein kleines Land", sagte Bräunig. So klein, dass man auch den Titel "Exportweltmeister" wohl bald an China verlieren wird. Ob man Weltmeister oder Vizeweltmeister sei, sei nicht entscheidend, sagte Bräunig. "Wichtig ist, dass wir im Vergleich zu unseren Wettbewerbern wachsen." Der deutsche Export werde in diesem Jahr um zehn Prozent zulegen. Vom starken Wachstum in China habe die deutsche Wirtschaft bisher profitiert.

Auch Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank, betont die Vorteile, die Deutschland aus der chinesischen Stärke ziehen kann. "Wir sollten die Chance sehen, dass sich ein großer Absatzmarkt für deutsche Produkte entwickelt", sagte Heise dem Tagesspiegel. Er rechnet indes nicht damit, dass Deutschland seinen dritten Platz unter den Wirtschaftsnationen schon in diesem Jahr verlieren wird. "Soweit ist es noch nicht", sagte Heise. Selbst bei einen Wachstum von elf Prozent für das gesamte Jahr werde das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) das deutsche 2007 nicht überholen. Das ergäben Berechnungen des Finanzhauses. Grund sei vor allem der derzeit starke Euro. Bei der Berechnung haben die Volkswirte einen durchschnittlichen Wechselkurs von 1,36 Dollar pro Euro angenommen. Am Donnerstag lag der Referenzkurs sogar gut zwei Cent darüber.

Keine Feierlaune in China

Das chinesische Überholmanöver dürfte aber auch in diesem Fall nur aufgeschoben sein. Spätestens im kommenden Jahr soll es auch nach Heises Berechnungen so weit sein: "Der Euro-Wechselkurs müsste schon sehr stark steigen, damit China 2008 nicht vorbeizieht."

Der chinesischen Regierung wird trotzdem nicht zum Feiern zumute sein. Vielen Experten ist die überhitze chinesische Wirtschaft nicht mehr geheuer. Spekulationen im Immobilienmarkt haben dafür gesorgt, dass in vielen Städten neugebaute Hochhäuser leer stehen. Am Aktienmarkt, der auf immer neue Rekordhöhen steigt, droht ein Crash. "Der Wirtschaftsboom wird zum Problem", warnt der Ökonom Liu Jipeng. Die Regierung versucht immer wieder, das Wachstum durch Zinserhöhungen und andere Maßnahmen abzukühlen – doch bisher ohne Erfolg.

Zudem treten auch die gesellschaftlichen und ökologischen Probleme der raschen Industrialisierung immer deutlicher hervor. 20 der 30 weltweit am stärksten verschmutzen Städte liegen nach Angaben der Weltbank in China. Weil man immer neue und immer tiefere Brunnen bohrt, drohen riesige Gebiete in Nordchina zu verwüsten. Sozialen Spannungen und Unruhen nehmen zu. Während in den Städten die Gehälter steigen und viele sich Auslandsreisen und teure Autos leisten können, fühlen sich die Bauern und Wanderarbeiter als Verlierer. Viele sind so arm, dass sie nicht einmal einen Arztbesuch leisten können. Ein Zustand, den auch das starke Wirtschaftswachstum bisher kaum mildern konnte.