150 Jahre "Entstehung der Arten" : Die Universalformel

Über die Biologie hinaus: Darwins Theorie nützt auch Medizinern, Physikern und Kosmologen.

Hubertus Breuer
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Wettkampf im Gehirn. Auch Nervenzellen konkurrieren miteinander. Foto: mauritiusPhoto Researchers

Am 24. November 1859, einem Donnerstag vor 150 Jahren, enthüllte Charles Darwin, wie sich aus bescheidenen Anfängen die bunte Vielfalt des Lebens entwickelte. Es war der Erstverkaufstag seines Jahrhundertwerks „Von der Entstehung der Arten“. Aber der Einfluss des Buches reicht weit über die Biologie hinaus.

Wo auch immer Darwins drei Kriterien von Variation des Erbguts, Selektion der bestangepassten Individuen und Vererbung ihrer Merkmale erfüllt sind, kommt es zur Evolution. Radikaldarwinisten sehen diesen Prozess nicht nur bei der Artenentstehung am Werk. Der Bostoner Philosoph Daniel Dennett kam in seinem Werk „Darwins gefährliches Erbe“ zu dem Schluss, Darwin habe ein evolutionäres Universalprogramm entdeckt, das „auf einfach alles zutrifft, einschließlich aller Errungenschaften der menschlichen Kultur – Sprache, Kunst, Religion, Ethik, Wissenschaft selbst.“

Bereits Mitte der siebziger Jahre hat der Biologe und Buchautor Richard Dawkins spielerisch vorgeschlagen, die Evolutionstheorie auf die menschliche Kultur anzuwenden. Was ein Gen für den Körper sei, könnten „Meme“ für Geist und Kultur sein. Darunter versteht Dawkins kulturelle Informationseinheiten, die durch Imitation weitergeben werden. Unter Meme fällt der Zoo menschlicher Geisteserzeugnisse: Klatsch und Tratsch, Kochrezepte, Tanzschritte und auch der Glaube an die heilige Dreifaltigkeit. Aus dieser Perspektive mutiert unser Schädel zum Feuchtbiotop, in dem Meme um die Vervielfältigung kämpfen.

Auch die Evolution des Verhaltens, die Soziobiologie, hat unser Menschenbild nachhaltig verändert. Sie erforscht seit den siebziger Jahren die ererbten Grundlagen tierischen – und damit humanen – Sozialverhaltens. Warf man dieser Disziplin vor dreißig Jahren noch vor, sozialdarwinistische Gedanken vom Überleben des größten Egoisten zu fördern, so haben die Forschungsergebnisse der Soziobiologie inzwischen gelehrt, dass Altruismus die Überlebenschancen eines jeden Gruppenmitglieds fördert. Denn würde jeder Einzelne stets nur sein Eigeninteresse in den Vordergrund rücken, käme ein sozialer Verband nie auf einen grünen Zweig. Das erklärt, warum Menschen neben Egoismus auch eine Prise Selbstlosigkeit in die Wiege gelegt ist.

Die Ausweitung der darwinistischen Theorie ist also keineswegs völlig an den Haaren herbeigezogen. Der 80-jährige Medizinnobelpreisträger Gerald Edelman etwa behauptet, auch im menschlichen Gehirn wirkten die Prinzipien der evolutionären Auslese.

Demnach wetteifert bereits beim Embryo ein Überschuss von Nervenzellen miteinander darum, das spätere Denkorgan zu bilden. Viele sterben ab; andere, die sich als brauchbar erwiesen haben, bilden jene Gehirnareale, die später Aufgaben wie Hören und Sehen übernehmen.

Auch in der subatomaren Welt greift möglicherweise der evolutionäre Mechanismus greifen. So erklärt eine Theorie von Forschern um Wojciech Zurek vom Los Alamos Laboratory in Neumexiko mithilfe des Darwinismus, wie aus der eigenwilligen Quantenwelt unsere stabile, brav Newtons Naturgesetzen gehorchende Makrowelt hervorgeht.

Im Quantenkosmos herrscht scheinbar wilde Anarchie: Nie können wir sagen, wo sich ein Elektron gerade aufhält, sondern sein Verhalten nur als Wahrscheinlichkeitswelle beschreiben. Erst wenn wir das Teilchen beobachten, „kollabiert“ diese Wellenfunktion – und das Teilchen entscheidet sich gleichsam für einen bestimmten Zustand. Nur welchen? Das beantwortete Zurek mit dem Modell des „Quantendarwinismus“, zuletzt im März dieses Jahres im renommierten Fachjournal „Nature Physics“.

Er geht davon aus, dass alle Quantenzustände in einem heftigen Wettkampf stehen und sich dann die „fittesten“, das heißt stabilsten, behaupten. Die Quantenzustände wiederum produzieren „Nachwuchs“, der die Informationen der Elterngeneration erbt. Langfristig verändern sich diese auch im Wechselspiel mit der Umwelt. Dann sind sie mit einem Mal womöglich nicht mehr stabil und es setzen sich andere durch.

Wer Darwin auf die Spitze treibt, kann auch auf den Gedanken kommen, dass die Evolution nicht nur im Mikrokosmos, sondern auch in den allergrößten Strukturen wirkt. Genau das behauptet der theoretische Physiker Lee Smolin vom Perimeter-Institut im kanadischen Waterloo seit einigen Jahren. Ausgangspunkt ist eine simple Frage: Wie kommt es, dass Myriaden von Universen denkbar sind, aber wir ausgerechnet in dieser einen aller möglichen Welten hausen? Die Naturkonstanten von der Masse der Elementarteilchen bis hin zur Schwerkraft könnten ganz anders gewichtet sein. Die Erklärung holt sich Smolin bei Darwin.

Wie eine Reihe anderer Kosmologen, geht auch Smolin von ungezählten Paralleluniversen aus, die alle einen evolutionären Stammbaum haben. Smolin mutmaßt, die neuen Welten entstünden aus der kollabierten Materie Schwarzer Löcher. Quasi auf ihrer anderen, uns unzugänglichen Seite, erzeugen die Materieschlucker einen Urknall, aus dem wieder ein neuer Kosmos erwächst.

Dabei gleichen sie aber dem Mutterkosmos nicht in allen Details, sondern ihre Voraussetzungen – wie die Masse der Elementarteilchen – variieren leicht. Die Babyuniversen sind unterschiedlich überlebensfähig. Die von ihren Gaben begünstigten Universen wachsen ungebremst und bringen, wie unser Kosmos, zahlreiche Schwarze Löcher hervor, womit sie ihre Fortpflanzungsfähigkeit steigern.

Viele Physiker halten die Idee für abwegig, nicht zuletzt, weil sich die waghalsige Theorie vorerst nicht überprüfen lässt. Immerhin gelingt es Smolin so, elegant die scheinbare Zufälligkeit unserer Welt abzufangen: Unser Universum gehört einfach zu den evolutionär häufig auftretenden Welten.

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