20 Jahre "Unaufgefordert" : Die freie Stimme der Humboldt-Universität

Die Studentenzeitung der Humboldt-Universität wurde vor 20 Jahren gegründet - zur Zeit des Mauerfalls.

Friederike Schröter

In dem gemütlich-chaotischen Raum im Hauptgebäude der Humboldt-Universität stehen noch die Sektflaschen auf dem Tisch. Die Wände sind mit Zetteln behängt; Magazine und Chipstüten liegen zwischen antiquiert wirkenden Computern. Im Redaktionsbüro der Studentenzeitung „Unaufgefordert“ ist die Stimmung ausgelassen. Aufreibende Wochen liegen hinter den Redakteuren, doch jetzt wird gefeiert. Das Magazin wurde zur Zeit des Mauerfalls gegründet und war damit eine der ersten freien Zeitungen der DDR.

Die ersten Ausgaben wurden damals, noch vor der Erteilung der Lizenz, inoffiziell im Westen der Stadt gedruckt und über die erst seit wenigen Tagen passierbare Grenze geschmuggelt. Die Zeitung – bald „Unauf“ abgekürzt – verstand sich vom ersten Tag an als kritisches unabhängiges Medium. Schon bald mischten sich in der Redaktion ost- und westdeutsche Studenten und berichteten über Hochschulpolitik, Studentenleben und Berliner Kultur. Heute arbeitet ein fester Kern von zehn Redakteuren an der 5000 Exemplare starken Auflage, zu dem sich immer wieder neue Interessenten gesellen. Jeder darf sich journalistisch ausprobieren. Zweimal wurde die „Unaufgefordert“ zur besten deutschsprachigen Studentenzeitung gekürt.

Nun ist sie also 20 Jahre alt, doch die Redakteure sind noch aus einem anderen Grund fröhlich: „Wir sind nun endlich völlig unabhängig“, sagt Konstantin Sacher von der Redaktionsleitung, „jetzt können wir uns offiziell selbst herausgeben.“ Jahrelange Streitigkeiten zwischen der „Unaufgefordert“ und ihrem bisherigen Herausgeber, dem Studentenparlament (Stupa), eskalierten anlässlich der Berichterstattung über einen Fall sexuellen Missbrauchs an der HU im vergangenen Jahr. Es habe an journalistischer Sorgfalt gemangelt und das nicht zum ersten Mal, sagt Stupa-Mitglied Marie Melior.

Generell passte es dem Stupa nicht, dass die Texte der „Unaufgefordert“ nicht durchgängig „gegendert“ würden. Die Redaktion weigert sich, dass große I wie in „StudentInnen“ zu schreiben. Die Redaktion fühlte sich auch sonst in ihrer Pressefreiheit beschränkt. Das Stupa sei nicht an kritischer Berichterstattung interessiert, sagt Gina Apitz, die damals in der Redaktionsleitung saß. „Und wir sind denen einfach nicht links genug.“ Heute ist Apitz für den Freundeskreis der „Unaufgefordert“ tätig, der nun die Herausgeberschaft trägt: „Wir wollen kein Geld mehr, sondern einfach nur in Ruhe gelassen werden und unabhängig arbeiten können.“

Das Stupa versuchte die Loslösung zu verhindern, strich die finanziellen Zuschüsse von jährlich 12 000 Euro und drohte die Rechte an dem Titel auf dem Klageweg überprüfen zu lassen. „Es ist eine Anmaßung des Freundeskreises, sich hinter dem Rücken des Stupas Namen und Herausgeberschaft rechtlich eintragen zu lassen“, sagt Melior.

Die „Unaufgefordert“ finanziert sich nun durch Spenden und Werbung. Das Stupa beschloss, die Zeitschrift nicht mehr als ein „Projekt der Verfassten Studierendenschaft“ anzuerkennen, mit allen rechtlichen und finanziellen Konsequenzen.Für die Redaktion ist es das beste Geburtstagsgeschenk, das sie sich hätten wünschen können.

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