200. Todestag von Madame de Staël : Eine europäische Intellektuelle

Engagierte Publizistin, liberale Vordenkerin, Liebende: Madame de Staël prägte wie keine andere das früher Deutschlandbild der Franzosen. Eine Würdigung zum 200. Todestag.

Brunhilde Wehinger
Ikone der Salonkultur. Madame de Staël zog bedeutende Persönlichkeiten an. Auf bürgerliche Frauen wirkten ihre Aktivitäten identitätsstiftend.
Ikone der Salonkultur. Madame de Staël zog bedeutende Persönlichkeiten an. Auf bürgerliche Frauen wirkten ihre Aktivitäten...Foto: imago/Leemage

Die erste Reise, die Anne-Louise-Germaine Necker, spätere Madame de Staël, zutiefst prägen sollte, machte sie im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern. Ihre Mutter, Suzanne Necker, Salonnière und Schriftstellerin, und ihr Vater Jacques Necker, Bankier und Politiker, waren Protestanten schweizerischer Herkunft und dem Denken der Aufklärung verbunden. 1776 verbrachte Familie Necker drei Monate in London. Man studierte die englische Politik und Gesellschaft, lernte die Presse- und Meinungsfreiheit schätzen. Seit Voltaires „Briefen über die Engländer“ (1730) galt England den französischen Aufklärern als das gelobte Land der Freiheit.

Zurück in Paris ernannte Ludwig XVI. Necker zum Finanzminister. Er war der erste Bürgerliche, der am französischen Hof je ein Ministeramt innehatte und sollte die Staatsfinanzen sanieren. 1781 veröffentlichte er seinen „Compte-rendu au roi“, den Bericht über die Finanzen des Königreichs. Publikumswirksam brachte er „Licht“ in die Finanz- und Steuerpolitik. Die Veröffentlichung, ein Medienereignis, führte zwar zur sofortigen Entlassung des Ministers, doch machte ihn das zum populärsten Staatsmann des späten Ancien Régime. Im Jahr 1788 wurde er erneut an die Spitze des Finanzministeriums berufen, im Jahr darauf wieder entlassen, sogar aus Frankreich verbannt. Das war einer der Anlässe für den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789.

Ihr Vater war der erste bürgerliche Minister am Hof

Unterdessen hatte Suzanne Necker ihren Salon zur ersten Adresse der Pariser Aufklärung gemacht. Mittendrin, hellwach, voller Bewunderung für den berühmten Vater, glänzte die Tochter, die seit Kindertagen an den illustren Soireen teilnahm. Im Salon ihrer Mutter lernte sie die Vertreter der Pariser Aufklärung kennen, studierte antike und aktuelle Werke und verfasste im Alter von zwölf Jahren einen Kommentar zu Montesquieus Hauptwerk „Vom Geist der Gesetze“. Während der Revolution wird sie dann in Briefen, Zeitungsartikeln, Salongesprächen ihr politisches Denken mit Montesquieus Theorie der Gewaltenteilung begründen. Ihre „Betrachtungen über die Französische Revolution“ gelten heute als Gründungstext des französischen Liberalismus.

Die Salongeselligkeit in ihrem privilegierten Elternhaus erlebte Madame de Staël, die selber zur Ikone der Pariser Salonkultur werden sollte, als eine kulturelle Aktivität, die auf Frauen des Bürgertums identitätsstiftend wirkte und das weibliche Selbstbewusstsein stärkte. Aus ihrem literarischen Ehrgeiz machte sie nie einen Hehl. Früh begann sie zu schreiben: Tagebuch, Briefe, erste literarische Versuche im Stil der Empfindsamkeit. Um 1800 war sie dann tatsächlich die bekannteste Schriftstellerin ihrer Zeit. Als Erbin eines großen Vermögens war sie ökonomisch unabhängig, konnte selbstbewusst einen unkonventionellen Lebensweg einschlagen, ihre literarischen Projekte auch gegen Zensur und Buchverbote verwirklichen und den großen Freundeskreis immer wieder finanziell unterstützen.

Als Neunzehnjährige willigte sie ein, den siebzehn Jahre älteren schwedischen Botschafter Erik Magnus de Staël-Holstein zu heiraten. Der Wunschkandidat der Eltern war zwar hoch verschuldet, hatte aber einen Vorteil: Er war protestantisch und von Adel. Für die junge Frau war wohl eher entscheidend, dass ihr diese Heirat die Möglichkeit bot, im Herzen von Paris ein offenes, gastfreundliches Haus zu führen, ohne dass sich der Ehemann einmischte. Und sie konnte sich von der Bevormundung der Mutter emanzipieren. In der schwedischen Botschaft eröffnete sie ihren ersten, schnell berühmt gewordenen Salon.

Entschieden trat sie für eine Verfassung nach englischem Vorbild ein

Die Geburt einer Tochter besiegelte nach außen die Ehe. Doch nach dem frühen Tod des Kindes ging das Ehepaar getrennte Wege, ließ sich aber nicht scheiden. Denn je brisanter die politische Lage während der Revolution für Madame de Staël und ihre Mitstreiter wurde, je entschiedener sie öffentlich für die konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild eintrat, umso wichtiger war der diplomatische Status. Inmitten all ihrer Aktivitäten als Salonnière, Briefautorin, politisch engagierte Publizistin, liberale Vordenkerin, Reisende, Autorin, leidenschaftlich Liebende, bekam Madame de Staël vier weitere Kinder. Deren Erziehung vertraute sie einer englischen Gouvernante und ausgewählten Hauslehrern an. Der bekannteste unter ihnen war August Wilhelm Schlegel, den sie 1804 in Berlin kennengelernt und sogleich engagiert hatte.

Später heiratete sie ein zweites Mal: Als Fünfzigjährige, mittlerweile eine europäische Berühmtheit, gab sie ihrem 22 Jahre jüngeren Geliebten, Albert de Rocca, das Ja-Wort, ohne seinen Namen anzunehmen. Sie hatte sich als Madame de Staël einen Namen gemacht. Dabei sollte es bleiben.

Ihr Salon – wo und wann immer er stattfand, sei es in Paris, auf Reisen im Hotel, an den Orten des Exils, im Schloss zu Coppet, dem Landsitz ihrer Eltern in der Schweiz – wurde zum Anziehungspunkt für außergewöhnliche Persönlichkeiten. Literaten, Philosophen, Politiker, Männer und Frauen ihrer Generation, die unterschiedlicher Herkunft und politischer Überzeugung waren, begegneten sich bei Madame de Staël. Im Jahr 1789 begrüßten sie das welthistorische Ereignis und erarbeiteten in ihrem Salon Entwürfe der ersten französischen Verfassung. Als sich die Lage in Paris zuspitzte, musste sich Madame de Staël in Sicherheit bringen und ging nach England ins Exil. Nach kurzer Zeit zog es sie zurück in die Schweiz. Schloss Coppet sollte zu ihrem wichtigsten Rückzugsort werden, den sie in einen internationalen Treffpunkt der Literatur verwandelte. Das idyllisch am Genfer See gelegene Coppet wurde zum Salon der europäischen Romantik und zu einem interkulturellen, europäischen Erinnerungsort.

"Delphine" war ihr literarischer Durchbruch

Doch die „Dame von Coppet“ vermisste Paris, die einzige Stadt, in der sie nach ihren Vorstellungen leben konnte. So kehrte sie nach dem Ende der Terreur zurück in der Hoffnung, dass sich die Republik konsolidieren und Frieden einkehren werde. Ihre Salongäste hatten, über Parteigrenzen hinweg, ein wichtiges Gesprächsthema: die politische und kulturelle Zukunft Frankreichs und Europas.

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts erschien in Paris ihre kultursoziologische Studie „Über die Literatur“ (1800). Darin geht es um die Frage, welche Aufgabe der Literatur in der postrevolutionären Gesellschaft zukommen sollte. Der literarische Durchbruch gelang ihr dann mit „Delphine“ (1802/03), einem vielstimmigen Briefroman, der die Suche nach dem individuellen Glück mit den politischen Konflikten der Revolution verknüpft. Napoleon Bonaparte, damals Erster Konsul auf Lebenszeit, war über den Erfolg des Buches erbost. Um sie zum Schweigen zu bringen, verbannte er die Autorin aus Paris. Sie reiste daraufhin nach Deutschland.

Mit „Corinna oder Italien“ (1807) erreichte das literarische Renommee der napoleonkritischen Autorin seinen Höhepunkt. Der Roman erzählt vom Zwiespalt zwischen der romantischen Künstlerin Corinna, die das von Napoleon beherrschte Italien verkörpert, und der bürgerlichen Gesellschaft, die dem weiblichen Genie keinen Freiraum zugesteht, die Emanzipation der Frau verhindert und die Anerkennung der kulturellen Differenz verweigert.

Ihr Werk über Deutschland erregte den Zorn Napoleons

Auch das wichtigste Werk der Autorin, „De l’Allemagne“, die kulturphilosophische Reportage „Über Deutschland“, erregte den Zorn Napoleons. Er verschärfte den Verbannungsbefehl und ließ die Autorin bespitzeln. „De l’Allemagne“, Gründungstext der vergleichenden Literaturforschung, wurde 1810 verboten: das Buch sei nicht französisch, hieß es von offizieller Seite. Die 10 000 Exemplare, die bereits gedruckt waren, wurden von der Polizei zerstört.

Während Napoleon gegen Deutschland Krieg führte, begeisterte sich die französische Autorin für deutsche Literatur und Philosophie, für Goethe, Schiller, Kant. Gegen die napoleonischen Hegemonieansprüche machte sie deutlich, dass die vorurteilsfreie, „gastfreundliche“ Wahrnehmung der Vielfalt fremder Kulturen eine Bereicherung sei. Ihr ging es darum, „Brücken zu schlagen“, den deutsch-französischen Kulturaustausch zu beflügeln und Europa neu zu denken. Doch musste sie erst die abenteuerliche Flucht vor Napoleon meistern, um über Wien, Moskau, Sankt Petersburg, Stockholm nach England zu gelangen. Dort, in London, wo sie als Zehnjährige das erste Mal war, konnte sie 1813 „De l’Allemagne“ auf Französisch endlich veröffentlichen.

Im Jahr 1814 kehrte sie nach Paris zurück, wo sie vor 200 Jahren, am 14. Juli 1817, starb.

Die Autorin ist Romanistin und Mitorganisatorin der öffentlichen Tagung, die am 14. und 15. September in Berlin stattfinden wird: „Madame de Staël in Berlin. Zwischen Kultur und Politik: Korrespondenzen, Begegnungen, Wirkung“. Näheres unter: https://berlin.institutfrancais.de.

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