Wissen : 3. Ein Architekt, der mit Klängen Kirchen baute

Seine letzte Sinfonie hat er dem lieben Gott gewidmet. Was er zum Wohle des Höchsten ab 1850 auf der Orgel improvisierte, setzte die Zeitgenossen in Erstaunen. Kaum ein Tonsetzer war sein ganzes leben lang mit dem Höchsten so vertraut, ein Katholik, wie er im Buche steht, und doch hat wohl keiner unter den gläubigen Komponisten die Vollkommenheit der Schöpfung so radikal in Frage gestellt. Die Werke des Gesuchten kann der Hörer durchschreiten wie Kathedralen, tief beeindruckt von der monumentalen Klangarchitektur, die doch allen Regeln klassischer Statik zu widersprechen scheint.

Man kann aus diesen Partituren aber auch das Ende aller Heilsgewissheit heraushören: Hier gibt es nichts mehr, was die Welt im Innersten zusammenhält, hier zerbersten Erde, Himmel und Hölle. Der Meister selber wurde durch seine Eingebungen in höchstem Grade verunsichert, ließ sich immer wieder von wohlmeinenden Freunden zu Entschärfungen des Notentextes überreden. Erst das 20. Jahrhundert lernte ihn als Vorahner der Moderne wirklich zu schätzen.

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