30 Jahre Erasmus-Programm : Vamos!

Mit dem Erasmus-Programm gehen seit 30 Jahren Millionen Studierende ins Ausland. Spanien ist das Lieblingsziel, nur wenige zieht es nach Osten.

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Die Uni Barcelona, ein Lieblingsziel europäischer Studierender.
Die Uni Barcelona, ein Lieblingsziel europäischer Studierender.Foto: Uni Barcelona

Das erste Klischee über Spanien konnte die Berliner Studentin Dilara Ünlüel gleich in ihrer ersten Woche in Barcelona wieder vergessen. Südeuropäer würden in Deutschland ja eher als Improvisationskünstler wahrgenommen, sagt Ünlüel, die an der TU Stadt- und Regionalplanung studiert. Doch als sie vor einem Jahr zum Erasmus-Austauschsemester an der Uni Barcelona ankam, erlebte sie das Gegenteil. Ein Ansprechpartner nahm sie in Empfang, die Uni bot zahlreiche Aktivitäten an, damit sie sich gut eingewöhnt. „Alles war perfekt organisiert“, sagt Ünlüel.

Sie ist eine von knapp 40 000 Studierenden aus Deutschland, die sich jährlich mit Erasmus an eine europäische Uni aufmachen. Das Programm, das 2017 seinen 30. Geburtstag feiert, ist eines der erfolgreichsten der EU. Seit dem Gründungsjahr nahmen mehrere Millionen Studierende teil. Sie erhalten zwischen 150 und 250 Euro pro Monat als Unterstützung und müssen keine Studiengebühren zahlen, sollte die Gastuni welche erheben.

Kaum einer kommt enttäuscht zurück, sagt Dietmar Buchmann, Erasmus-Koordinator der Humboldt-Universität: „Die sind alle begeistert.“ In der Filmtrilogie „L’auberge espagnol“ wurde das Erasmus-Jahr als Initiationsritus für die europäische Jugend fiktionalisiert: Es ist wahrscheinlich die einzige EU-Initiative, die Anlass zu einer filmischen Hommage bot.

Barcelona, Madrid, Paris sind Lieblingsziele

Wie Ünlüel zieht es viele nach Barcelona. Die Stadt gehört mit Madrid, Paris oder Wien zu den Lieblingszielen Berliner Studierender – europaweit sind diese Metropolen unter den Top Ten. „Die großen Städte sind nicht nur attraktiv – es konzentrieren sich hier oft die besten Unis“, sagt Gesa Heym-Halayqa, Erasmus-Koordinatorin der FU. Wegen dieser Mischung entschied sich auch Ünlüel für Barcelona. Die Stadt faszinierte sie, sie wollte ihr Spanisch verbessern, ins Katalanische hineinschnuppern und ihren Horizont erweitern. „Das gilt auch fachlich, das Studienprogramm passte gut.“ Ihre Erwartungen wurden erfüllt: „Barcelona ist zu meiner zweiten Heimat geworden.“

Grafik: Fabian Bartel/Tsp

Was immer letztlich ausschlaggebend für die Wahl des Zieles sein mag: Man sollte den Austausch nicht einfach als Spaßsemester betrachten, sagt Angela Ittel, Vizepräsidentin für Internationales an der TU. „Man sollte sich auch strategisch weiterentwickeln können.“ Eine kleinere Hochschule könne da oft sogar bessere Betreuung bieten, sagen auch die Erasmus-Berater. Womöglich falle der Kontakt und kulturelle Austausch mit Einheimischen jenseits der internationalisierten Hauptstädte manchmal leichter.

Derzeit gefragt: Island

Manche Länder spezialisieren sich regelrecht auf den Erasmus-Austausch. Skandinavien ist so ein Beispiel: Die Unis dort bieten viele englischsprachige Programme an und haben sich längst als Alternative zu Großbritannien etabliert. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) boomt gerade Island: „Vielleicht spielt da der Erfolg bei der Fußball-EM eine Rolle“, sagt Austauschkoordinatorin Kornelia Röhr. Das Top-Land bleibt aber Spanien: Weil immer mehr Jugendliche in der Schule Spanisch lernen, aber auch, weil spanische Unis verstärkt auf englischsprachige Programme setzen. Die Spanier haben selber ein Interesse daran, dass der Austausch funktioniert. Viele der eigenen Studierenden gehen ebenfalls gerne ins Ausland.

Die politische Großwetterlage schlägt sich indes auch auf Erasmus nieder. Das gilt derzeit für die Türkei und für Großbritannien. Erstere wurde quasi als Testlauf für eine mögliche EU-Mitgliedschaft vor Jahren bei Erasmus mit den Ländern Europas gleichgestellt. Viele Studierende drängte es daraufhin nach Istanbul: „Das war ein großer Trend, vor allem unter Politik- und Sozialwissenschaftlern und bei den Islamwissenschaftlern“, sagt Gesa Heym-Halayqa von der FU. Doch nach den Ereignissen in diesem Jahr hat es damit ein Ende. Aus FU und HU halten sich derzeit zwei Drittel weniger Studierende in Istanbul auf. Anzeichen, dass sich der Status der Türkei bei Erasmus ändern wird, gibt es aber bisher noch nicht.

Der Brexit bereitet Sorgen

Großbritannien bereitete schon vor dem Brexit-Votum Sorgen. Seitdem sich die Unis dort zu großen Teilen über Studiengebühren finanzieren müssen, ist es für sie weniger attraktiv, Erasmus-Studierende aufzunehmen: weil sie von denen kein Geld kassieren können. Insbesondere für die weltweit nachgefragten Londoner Unis „sind voll zahlende Studierende spannender“, sagt TU-Vize Ittel. „Mit diesen Unis ist es schwer, Plätze auszuhandeln.“ Das erklärt, warum London nicht zu den Top-Ten-Zielen gehört. Wenn Großbritannien nach dem Brexit mit dem Ende der Freizügigkeit für EU-Bürger Ernst machen sollte, könnte das Land ganz aus Erasmus ausscheiden.

Offensichtlich ist zudem ein Ost-West-Gefälle. Aus Deutschland gehen kaum Studierende nach Osteuropa, sagt HU-Koordinator Buchmann: „Es gelingt uns nicht, die Mauer in den Köpfen einzureißen.“ Dabei seien dort viele Hochschulen sehr modern, oft bieten sie englischsprachige Kurse an, etwa im Baltikum, in Warschau oder Ljubljana. Andersherum kommen viele Osteuropäer ausgesprochen gerne nach Berlin, sagt Buchmann: „Wir könnten viel mehr aufnehmen.“ Man müsse sich aber um eine ausgeglichene Mobilitätsbilanz bemühen.

Berlin empfängt mehr Erasmus-Studierende als es entsendet

Ohnehin gehört Berlin zu den beliebtesten Zielen: Das Image als Hipster-Kapitale verbindet sich mit dem inzwischen exzellenten Ruf der hiesigen Unis. Berlin ist quasi die einzige deutsche Stadt, die mehr Austauschstudierende empfängt, als entsendet. Die Plätze an den Partnerunis von HU, FU und TU sind oft nicht ausgelastet. Die FU etwa bietet pro Jahr 2000 Plätze im Ausland an, zu einem Aufenthalt entschließen sich nur 600 bis 700 Studierende. Ähnlich sind die Zahlen an der HU. An der TU sind mit 300 noch weniger mobil. „Ingenieure bewegen sich seltener“, sagt TU-Vize Ittel. Dass „German Engineering“ als Weltmarke gilt, sei eher nachteilig: Das stärke den Eindruck, ein Auslandsaufenthalt sei nicht nötig.

Dilara Ünlüel kann das nicht nachvollziehen. Sie plant inzwischen ihr nächstes Auslandssemester. Dieses Mal könnte es nach Argentinien gehen.

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