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300 Jahre Charité : Am Anfang standen Pest und Cholera

29.03.2010 02:00 Uhrvon
Abseits. Die Einrichtung wurde anfangs bewusst „auf die grüne Wiese“ gesetzt, wie diese Abbildung von 1730 zeigt. Foto: Medizinhistorisches Museum der CharitéBild vergrößern
Abseits. Die Einrichtung wurde anfangs bewusst „auf die grüne Wiese“ gesetzt, wie diese Abbildung von 1730 zeigt. - Foto: Medizinhistorisches Museum der Charité

Eine Ausstellung im Medizinhistorischen Museum zeigt die bewegende Geschichte der Berliner Unimedizin.

Am Eingang der Jubiläumsausstellung empfängt den Besucher eine ausgestopfte Ratte. Keck aufgerichtet, den Schwanz um ein Ortsschild gekringelt, dessen Pfeil nach „Berlin“ weist. 1710 fürchtet die Stadt eine näher rückende Pestepidemie und errichtet ein Haus, um die Kranken zu isolieren. Aber die von Rattenflöhen übertragene Krankheit verebbt bei Prenzlau. Entwarnung. Aus dem Pesthaus wird ein „Bürger-Lazareth“, Keimzelle der heutigen Charité, des größten Universitätsklinikums Europas. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ist sie nur für die Armen bestimmt.

Es ist makaber, aber vielleicht für Krankenhäuser nicht unangemessen, dass ausgerechnet Seuchen ihr Entstehen und ihre Bedeutung förderten.

Die zweite Epidemie, die „an der Wiege“ der Charité steht, ist die Cholera. 1831 wütet sie, als „asiatische Hydra“ bezeichnet, in der Stadt und ruft die staatliche Gesundheitsfürsorge auf den Plan. An der Charité werden die Opfer der Cholera seziert; man will der Sache auf den Grund gehen.

Einige Jahre später beginnt hier ein Pathologe zu arbeiten, der wie kein zweiter die Charité prägt und verkörpert: Rudolf Virchow (1821–1902). Streng naturwissenschaftliches Denken, preußisches Arbeitsethos, politisch-soziales Engagement und universales Forscherinteresse zeichnen ihn aus. Doch selbst „Papa Virchow“, wie ihn die Berliner wohlwollend nennen, irrt sich. Er verkennt die Bedeutung von Krankheitserregern und kann mit Darwins Evolutionstheorie wenig anfangen.

Die Ausstellung im Medizinhistorischen Museum der Charité stellt die Geschichte des Hospitals nicht chronologisch dar, sondern erschließt sie anhand von Krankheiten wie Syphilis, Diphtherie und Krebs und der Behandlung von Verletzten. Das ist oft einleuchtend und macht die Rolle der Klinik deutlich. So werden die verunglückten Arbeiter aus den Fabriken des heraufdämmernden Maschinenzeitalters in der Charité versorgt. Die Klinik ist selbst ein Teil des sozialen Organismus Stadt und wächst mit dieser. Beide sind untrennbar verbunden.

In einem zweiten Saal wird die „Öffnung“ der Charité weiterverfolgt und 38 Persönlichkeiten der gesamten Berliner Medizin präsentiert. Man kann das als Vereinnahmung kritisieren, weil viele Berühmtheiten mit der „eigentlichen“ Charité erstaunlich wenig zu tun hatten, etwa der Bakteriologe Robert Koch oder der Chirurg Ernst von Bergmann. Andererseits ist es durchaus sinnvoll und legitim , die Berliner Medizin als weit gespanntes Netzwerk zu sehen.

Mit Objekten geht die Ausstellung sparsam um, aber diese beeindrucken umso mehr. Da ist der zerfressene Schädel eines an der Syphilis erkrankten Patienten, eine „Sauerbruch“-Armprothese von 1940 aus dunklem Holz, eine altertümliche Röntgenröhre, eine Zwangsjacke aus grobem, vergilbtem Stoff: eher schemenhaft tritt hier derjenige hervor, um den es eigentlich geht – der Patient. In seiner Rede zur Ausstellungseröffnung erinnerte Jens Reich, vor 50 Jahren Student an der Charité, an dessen entscheidende Rolle: „Große Namen in der Medizin setzen voraus, dass sich Menschen als Patienten zur Verfügung stellen.“ Vielleicht sollte die Charité ein Denkmal des Patienten erwägen?

Die überschaubare Ausstellung gibt interessante Denkanstöße, aber erschöpft das Thema Charité bei weitem nicht. So fragt man sich, warum ausgerechnet eine Arme-Leute-Klinik im kargen Preußen zu Weltruhm gelangte. Warum nicht Hamburg, München, Frankfurt am Main? Was waren die Grundlagen des Erfolgs? Tiefere Einblicke gibt vielleicht die große „Weltwissen“-Schau, die am 24. September im Martin-Gropius-Bau eröffnet wird und die ein Gesamtbild von 300 Jahren Berliner Wissenschaft entwerfen soll.

Bis zum 27. Februar 2011: „Charite. 300 Jahre Medizin in Berlin“ Ort: Berliner Medizinhistorisches Museum, Charitéplatz 1, 10117 Berlin. Dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, mittwochs und samstags 10 bis 19 Uhr.

CHRONIK

GEGRÜNDET WURDE DIE CHARITÉ
als Pesthaus im Jahr 1710, vor den Toren der Stadt.

1795

wird die „Pépinière“ gegründet, zur Aus- und Weiterbildung von Militärärzten. Nach der Gründung der Berliner Universität im Jahr 1810 wurden die „zivilen“ Mediziner zunächst dort ausgebildet und an der Charité weiterhin nur Militärärzte. Erst später werden die beiden Einrichtungen schrittweise zusammengeführt.

1896 bis 1917

werden große Teile der Charité um- beziehungsweise neu gebaut. Damit werden eine zeitgemäße Forschung und Krankenbetreuung möglich.

1933 bis 1945

In dieser Zeit leidet die Charité doppelt: Zunächst verliert sie viele jüdische und politisch engagierte Mitarbeiter. Während des Krieges werden die Gebäude stark durch Bomben geschädigt.

Gegenwart

Durch Umstrukturierungen der Hochschullandschaft wächst die Charité. Zunächst wird das Virchow-Klinikum im Wedding von der Freien Universität der Humboldt-Universität übertragen und geht schließlich in die Charité ein. 2003 kommt noch das Franklin-Klinikum in Steglitz hinzu.

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