350 Jahre Stabi : Brandenburg, Preußen und die Staatsbibliothek

Berlin im Jahr 1661: Wie aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges die Kurfürstliche Bibliothek entstand. Und warum Preußen ohne die Stabi nicht denkbar wäre.

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Vor 350 Jahren gründete Friedrich Wilhelm die Churfürstliche Bibliothek – im Apothekerflügel des Stadtschlosses.
Vor 350 Jahren gründete Friedrich Wilhelm die Churfürstliche Bibliothek – im Apothekerflügel des Stadtschlosses.Foto: ullstein bild

Bücher aller Disziplinen und aus aller Welt ankaufen, neu erschienene, aber auch wertvolle historische Bände. Sie katalogisieren und pflegen. Die Aufgaben, die Kurfürst Friedrich Wilhelm seinem Hofbibliothekar Johann Rau im Gründungserlass der Staatsbibliothek zu Berlin im Jahre 1658 erteilt, gleichen denen heutiger Bibliothekare: „Er soll dahin sehen, das Unsere Bibliotheken von Jahren zu Jahren zu mehrer Aufnahm gebracht, durch allerhand stadtliche nutzbahre, auch rare bücher, so in allen facultäten alß in aller länder historien (…) vermahret und hineingeschaffet (…) werden mögen.“

Das vorhandene Wissen sollte gesammelt, organisiert und konserviert werden. Die wertvollen Bestände der brandenburgischen Klosterbibliotheken wurden ausgeräumt und der Schlossbibliothek hinzugefügt. Die neue Bibliothek wurde unter anderem gegründet, damit „Bücher uns alsbald zur Hand sein mögen“, wann immer der Kurfürst nach Lösungen für „Nöthe“ suchen werde.

Im Jahre 1661 eine Bibliothek zu gründen war ein Werk des Wiederaufbaus. Das Land war noch zutiefst vom Krieg gezeichnet. Das Ende des dreißigjährigen Krieges lag nur 13 Jahre zurück. In der Mark Brandenburg hatte während des Krieges etwa die Hälfte der Bevölkerung den Tod gefunden. Viele der Familien, die sich nach dem Kriege in den besonders stark verwüsteten Gebieten ansiedelten, kamen von außerhalb Brandenburgs: Holländer, Ostfriesen und Holsteiner. Man war einfach nicht in der Lage, die Verluste aus den eigenen demografischen Beständen wieder wettzumachen. An einigen Orten war der Kriegsschock so gewaltig, dass er einen Bruch im kollektiven Gedächtnis herbeiführte. In manchen Teilen des Landes hat der „große Krieg“ die Erinnerung an alle früheren Konflikte überlagert und verschüttet. Mittelalterliche, slawische oder vorgeschichtliche Erdwälle und Schanzen verloren ihre ursprünglichen Namen und wurden fortan als „Schwedenschanzen“ bezeichnet.

Mitten in diesem verwüsteten Land sollte das gedruckte und handschriftliche Wissen gesammelt und konzentriert und damit auch sichergestellt werden. Als Bibliotheksgründer Friedrich Wilhelm im Dezember 1640 die Regierung angetreten hatte, war Brandenburg noch besetztes Gebiet. Man einigte sich zwar 1641 mit den Schweden auf einen zweijährigen Waffenstillstand, aber das Plündern, Brandschatzen und die Übergriffe aller Art nahmen dadurch kein Ende. Erst im März 1643 war Friedrich Wilhelm aus dem Komfort und der relativen Sicherheit Königsbergs im Herzogtum Preußen in das verwüstete Berlin zurückgekehrt. Die Bevölkerung war stark dezimiert und unterernährt und die Gebäude entweder den Flammen zum Opfer gefallen oder dringend renovierungsbedürftig.

Darüber hinaus war das Hohenzollernsche Länderkonglomerat mit seinen weit entlegenen Dependancen – Pommern, die Herzogtümer Preußen und Kleve – weder innen- noch außenpolitisch gesichert. Der Geheimrat und ehemalige Lehrer des Kurfürsten, Johann Friedrich Leuchtmar, fasste die äußere Zwangslage Brandenburgs 1644 in einem Bericht zusammen. Polen, warnte er, werde sich Preußen wieder einverleiben, sobald es stark genug sei; Pommern sei von den Schweden noch besetzt und werde es voraussichtlich auch bleiben; Kleve im Westen werde von der Republik der Vereinigten Niederlande kontrolliert. Brandenburg stehe „am Rande des Ruins“.

Die innenpolitische Lage war nicht viel besser. In Kleve und Mark, im Herzogtum Magdeburg, und vor allem im Herzogtum Preußen, verweigerten die Landstände dem Kurfürsten ihren Gehorsam. Sie wollte seine Truppen nicht finanzieren, sie verweigerten seine Steuern, sie bestanden auf dem alten Recht, Ortsbeamte aus den eigenen Reihen zu benennen. Sie sahen in dem Abbau der alten Provinzmilizen zugunsten eines stehenden Heeres unter dem Kommando des Kurfürsten einen empfindlichen Machtverlust. Sie verweigerten dem Fürsten also gerade jene Mittel, die er für die Wiederherstellung seines Landes zu brauchen meinte.

Dem Kurfürsten ging es auch um die außenpolitische Autonomie. Dies war die wichtigste Lehre des großen Krieges: Wer nicht imstande ist, seine Interessen und seinen Bestand mit eigenen Kräften zu verteidigen, stehe in Gefahr, vom Krieg selbst verschlungen zu werden. Die Aufgabe des Staates war, Gefahren zu antizipieren: 1667 schrieb er in der „Väterlichen Ermahnung“ an seinen Nachfolger, er solle sich nie in der Sicherheit wiegen, „das Feuer des Krieges sei noch fern der Grenzen“. Dann würde das Land „das Theater sein, auf dem die Tragödie gespielt wird“. Das Trauma des Dreißigjährigen Krieges hallt in diesen Worten nach.

Der Wiederaufbau des Landes im machtpolitischen Sinne war also aufs Engste verbunden mit einem Prozess tief greifenden inneren Wandels. Der Widerstand der adeligen Landstände in den Hohenzollernschen Provinzen musste überwunden werden. Immer wieder legte Friedrich Wilhelm ihnen nahe, dass sie und die von ihnen repräsentierten Regionen Teile eines einzigen Ganzen seien, „Glieder eines Leibes“, dessen Haupt der Kurfürst selbst war. Die Stände seien damit zur Mitwirkung verpflichtet, was die Erhaltung und Verteidigung aller seiner Ländereien und die Verfolgung seiner legitimen territorialen Ansprüche betraf. Aber diese Sicht der Dinge war den Ständen gänzlich fremd, da sie die jeweiligen Territorien als voneinander getrennte, eigenständige Parzellen ansahen, die zwar hierarchisch an die Person des Kurfürsten gebunden waren, aber untereinander keinerlei Verbindung hatten.

Wurden die Stände vom Kurfürsten und seinen Beamten mit Forderungen nach Geld oder anderen Ressourcen konfrontiert, beharrten sie auf der Fortführung und strengen Einhaltung ihrer „gemeine und sonderbare Privilegia, Freiheiten, Unionen, fürstliche Begnadigungen, Ehepacten, Reversalen, alte Herkommen, Recht und Gerechtigkeit“. Sie sehen in der Kontinuität der Gegenwart mit der nahen und fernen Vergangenheit eine Quelle der Legitimation.

Der Kurfürst gründete seinen Anspruch auf Intervention und Modifikation dieser Ordnung, auf Notwendigkeit seitens des Staates und seiner Bewohner. Der „libertas“ der Stände setzte er die „necessitas“ der Zentralgewalt entgegen. In Kleve spitzte sich die Pattsituation zwischen Souverän und Ständen zu, als Friedrich Wilhelm die Rekrutierung von über 4000 bewaffneten Männern und eine Zahlung von 80 000 Reichstalern forderte, um die neuen Truppen zu finanzieren und die Kosten für die Instandhaltung von Garnisonen und Festungen zu decken.

Der Kurfürst ging letztlich als Sieger aus diesen langwierigen Auseinandersetzungen hervor. Die Betonung der „necessitas“ wurde künftig noch radikalisiert, verwandelt von einem Ad-hoc-Argument für provisorische Interventionen in eine universelle Legitimation permanenter Instrumente der Zentralgewalt wie ein neues Steuersystem oder ein stehendes Heer. Hier wurde ein Argument formuliert, das heute noch staatstragend weiterwirkt.

Indem er Autorität und Ressourcen in sich vereint, zerreißt der Staat die Fesseln der Tradition, er emanzipiert sich von dem Erbe einer provinziellen Vergangenheit, antizipiert mögliche Zukünfte und erfindet neue Instrumente, um ihnen zu begegnen. Er ist eine Zeitmaschine, ein Motor, der Geschichte in Gang setzt. Geschichte wird hier eben nicht als Kontinuität verstanden, sondern als ein sich ständig erneuernder Bruch mit der Vergangenheit.

Als das letzte Jahrzehnt seiner Herrschaft anbrach, war das Herzogtum Preußen der Souveränität der Hohenzollern-Herrscher vollständig untergeordnet. Die politische Vorherrschaft der alten Landstände war weitgehend gebrochen. Brandenburg besaß ein Heer mit einer Stärke von zwischen 20 000 bis 30 000 Mann, das sich auch im Ausland eines ausgezeichneten Rufes erfreute. Es hatte sich eine kleine Ostseeflotte zugelegt und sogar eine Kolonie an der westafrikanischen Küste. Das war der Sieg nicht nur der kurfürstlichen Autorität, sondern auch einer bestimmten historisierten Staatsidee, der in der Geistesgeschichte Deutschlands eine brillante Zukunft bevorstand.

Als ein Ort zum Aufbewahren des Wissens stand die 1661 gegründete Staatsbibliothek in einem engen Verhältnis mit diesen Entwicklungen. Ein sich unter Berufung auf die Dynamik und Unberechenbarkeit der Geschichte legitimierendes Staatswesen bedurfte gerade in dieser Zeit des Aufbaus des verbesserten Zugangs zum Wissen. Denn wer in der Geschichte einen Prozess des alles umfassenden Wandels sieht, und in diesem unaufhörlichen Wandel, der braucht umso dringender die breiten Wissenshorizonte einer anspruchsvollen Bibliothek.

Der Autor ist Professor für neuere europäische Geschichte an der Universität Cambridge. Der Text basiert auf einem Vortrag, den Christopher Clark am heutigen Donnerstag um 18 Uhr in der Staatsbibliothek, Potsdamer Straße 33 (Tiergarten) halten wird. Eintritt frei, Anmeldung unter Tel.: 030-266431925 erbeten.

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