40 Jahre Wissenschaftszentrum : Böller gegen den „Technokraten- Olymp“

Die Gründung des Wissenschaftszentrums vor 40 Jahren war heftig umstritten. Unipräsidenten und Studierende protestierten gegen die vermeintliche "Privat-Universität".

Paul Stoop
WZBPromo
Verzerrte Perspektive. Das 1969 gegründete WZB wurde als "postuniversitäre Funktionärs-Eliteschule" bezeichnet. Im Bild der Neubau...Foto: promo

Es ist ein vertrauter Vorgang: Ein neuer Akteur betritt die Welt der etablierten akademischen Institutionen – und es gibt Abwehr, Skepsis und Verweigerung. Die Fachhochschulen haben es erlebt, bei den Berufsakademien war es nicht anders. Die Universitäten tun sich schwer mit außeruniversitären Neugründungen. Eine frühe Erfahrung solcher Ablehnung machte das WZB, vor genau 40 Jahren als „Wissenschaftszentrum Berlin“ gegründet, heute mit dem Namenszusatz „für Sozialforschung“. Was so mancher Aktivist dem WZB zudachte, war 1970 auf die Fassade des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin gesprüht: „Zerquetscht das WZB.“

Formal gegründet wurde das Wissenschaftszentrum am 3. Februar 1969 als gemeinnützige GmbH. 15 Bundestagsabgeordnete von SPD und CDU/CSU engagierten sich als Gesellschafter, darunter Johann Baptist Gradl, Gerhard Jahn und Alex Möller. Sie verfolgten mehrere Ziele: Internationale Forscher sollten an West-Berlin gebunden, wissenschaftliche Beratung für die Praxis gefördert und eine nicht an Disziplinen gebundene Forschung gestärkt werden. Nach der stillen Gründung erarbeiteten die Gesellschafter einen großen Plan, der den Aufbau von acht Instituten über ein breites Themenspektrum vorsah, von Management und Verwaltung über Linguistik bis zu einem Center for Advanced Studies. Gerd Brand, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, war in der Funktion des WZB-Generalsekretärs der wissenschaftspolitische Aktivist des Projekts.

Nachdem die Gründer die Vorarbeiten zunächst aus eigener Tasche finanziert hatten, steuerte der Bund im Herbst 1969 fast 300 000 DM bei. Die Initiatoren gingen immer noch nicht an die Presse; die Idee sollte nicht gleich zerredet werden. Als aber die Freie und die Technische Universität Anfang April 1970 informiert wurden, wandten sich deren Präsidenten empört an die Öffentlichkeit – und lösten einen Proteststurm aus.

Nüchtern berichtete der Tagesspiegel am 10. April über die Pressekonferenz der beiden Präsidenten: Mit dem WZB erwachse den Universitäten eine Konkurrenz, die aber keiner öffentlichen Kontrolle unterliege, und schon gar nicht den Mitbestimmungsregeln des neuen Hochschulgesetzes. Eine Kooperation, von den WZB-Gründern angestrebt, lehnten Rolf Kreibich (FU) und Hans Wever (TU) mit der vermeintlichen „Privat-Universität“ ab. Andere Professoren der FU wählten härtere Formulierungen. Jacob Taubes (FU) etwa sprach von der Gefahr, dass sich WZB-Forscher zu „Handlangern der Macht“ entwickeln würden. Studentenvertreter geißelten die „Kalten Krieger“.

Die Kritiker beherrschten die Schlagzeilen; sie lieferten die News. Denn dem Berliner Protest folgten in den nächsten Apriltagen die Westdeutsche Rektorenkonferenz, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie die Bundesassistentenkonferenzen. Sie alle protestierten gegen die öffentliche Finanzierung einer privatrechtlichen Einrichtung, den vermeintlichen Charakter der „Gegenuniversität“, an „Eliten-Studiengängen“. Das lange Schweigen der WZB-Initiatoren nährte das Misstrauen. Die „klandestine Etablierung einer postuniversitären Funktionärselite-Schule (für privatkapitalistische Organisationen und öffentliche Bürokratien als Einheit konzipiert)“, nannte Stephan Leibfried, einer der jungen protestierenden Wissenschaftler, im akademisch-politischen Jargon jener Zeit die „wohldotierten Pläne“ in der „Frankfurter Rundschau“.

Die Proteste zeigten Wirkung. Die Politikwissenschaftler Iring Fetscher und Frieder Naschold, Berater der WZB-Gründer für das geplante Institut für Friedens- und Konfliktforschung, stellten ihre Mitarbeit ein, weil sie Kernpunkte der Kritik teilten. Am 21. April 1970 wurde es handgreiflich: Eine Pressekonferenz des WZB in einem Charlottenburger Hotel wurde von Mitgliedern der „Roten Zellen“ gesprengt. Sie beschimpften das WZB als „Ausbeuter- und Kriegstreiber-GmbH“ und „Technokraten-Olymp für die Mandarine der Zukunft“. Mit Stinkbomben und Knallkörpern verhinderten sie die Veranstaltung und verließen erst nach der Androhung eines Polizei-Einsatzes den Kampfplatz. Die Unterbindung einer offenen Diskussion führte nicht etwa zu einer Distanzierung anderer Skeptiker. FU-Präsident Kreibich sagte: „Ich sehe keine grundsätzlichen Diskrepanzen zwischen den Meinungen, die in den ,Roten Zellen’ artikuliert werden und der Auffassung, die vom Präsidenten und einigen anderen Vertretern der Universität vertreten worden sind.“

Die offene Konfrontation rief die Befürworter auf den Plan. Die „Berliner Morgenpost“ warb für die neue Einrichtung: „Das geplante Wissenschaftszentrum bedeutet für Berlin eine Chance, wie sie die Stadt vielleicht in Jahrzehnten nicht mehr geboten würde.“ Inzwischen machten auch DDR-Blätter gegen das WZB mobil. Die „Wahrheit“, das Blatt des SED-Satelliten SEW in West-Berlin, forderte „alle Demokraten und Sozialisten“ zu „Kampfaktionen“ auf, und zwar auch von Seiten der „Arbeiterklasse, denn deren Interessen werden hier verhandelt“. Es gehe „um die Verhinderung der geplanten Projekte, es gehe um die friedensgefährdende Politik der Metropole“.

Der Konflikt wurde auch jenseits des Atlantik wahrgenommen. Der Bonner Büroleiter der „Los Angeles Times“, Joe Alex Morris Jr., berichtete Anfang Mai ausführlich über den Streit um „den ersten Think Tank amerikanischer Prägung in Europa“. Das berlinpolitische Argument überzeugte ihn: „Mit einer alternden Bevölkerung und einer Wirtschaft, die vom Wohlwollen der Ostdeutschen und ihrer Launen abhängt, sieht die Zukunft düster aus“, schrieb Morris. Internationales Talent käme wohl kaum nach Berlin, „wenn man zulässt, dass eine Minderheit von studentischen Aktivisten mit falschen und irreführenden Argumenten den eigentlich bereitwilligen Landes- und Bundesregierungen die Bedingungen aufzwingen kann“.

Die Regierungen in Berlin und Bonn gaben dem Druck nicht nach. Der Berliner Senat führte Gespräche mit den beteiligten Universitäten, und das Bundeskabinett in Bonn befasste sich mehr als einmal mit der WZB-Frage. Es kam zu Kompromissen, die am Ende das WZB lebensfähig machen sollten: Es würde eng mit den Universitäten zusammenarbeiten, die auch Mitglied in den Aufsichtsgremien sein sollten. Für die wissenschaftliche Solidität des WZB sollte der Wissenschaftsrat einstehen. Im Juli 1970 konnten die Zeitungen berichten, der Wissenschaftsrat habe die Frage nach der Notwendigkeit des WZB klar bejaht. Der Anfang sollte aber sehr viel bescheidener sein, als die Gesellschafter sich erträumt hatten. Das Institut für Verwaltung und Management nahm gleich am 1. August die Arbeit auf, 1976 folgten zwei weitere Institute unter dem Dach der „Trägergesellschaft“ WZB.

Mit dem WZB, das 1988 am Reichpietschufer neben der Neuen Nationalgalerie erstmals unter einem Dank vereint wurde, haben alle ihren Frieden gefunden. Der frühere Kritiker Frieder Naschold übernahm 1976 gemeinsam mit Karl W. Deutsch die Leitung des WZB-Instituts für Vergleichende Gesellschaftsforschung. Sein Eintritt ins WZB war nicht dem Opportunismus geschuldet. Naschold hob im Gespräch mit dem Tagesspiegel die gerade beginnende Zusammenarbeit mit den Universitäten und die seit 1975 endgültig gesicherte öffentliche Trägerschaft des WZB hervor. Dies ermögliche sein Ja zum WZB.

Mancher Protest gegen die Gründungspläne mochte hysterisch gewesen sein. Aber die Kritik hatte doch Schwachpunkte und Unklarheiten offengelegt, die indes nach wenigen Jahren überwunden waren. So konnte aus dem WZB ein akzeptierter Partner der Hochschulen werden.

Der Autor ist Leiter des Referats Information und Kommunikation des WZB. Am morgigen Dienstag erscheint im Tagesspiegel eine Beilage zum WZB-Jubiläum.

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