50 Jahre Mauerbau : "Einen eisernen Ring um Berlin legen"

Ulbricht wollte die Mauer, Chruschtschow schrieb den Fahrplan vor: Wie die Sowjetunion im Sommer 1961 die Führung übernahm.

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Wer war federführend beim Mauerbau – SED-Chef Walter Ulbricht oder Kreml-Chef Nikita Chruschtschow? Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus wird die Frage von Historikern erneut diskutiert. Die Antwort liegt in den historischen Abläufen, die durch neuere Archivfunde rekonstruiert werden können. Heute steht fest: Ohne die Zustimmung und Unterstützung der Sowjetunion, des wichtigsten Bündnispartners des ostdeutschen Staates, wäre eine derartige Aktion, die Millionen Menschen für mehr als 28 Jahre die Freiheit kostete, nicht möglich gewesen. Zwar war es Ulbricht, der Moskau im Frühjahr 1961 zum Mauerbau drängte und die sowjetische Zustimmung erreichte. Danach aber wurde die Handlungsfreiheit des Partei- und Staatschefs der DDR massiv eingeschränkt.

Die Vorentscheidung für den Einsatz militärischer Maßnahmen zur Abriegelung West-Berlins traf Chruschtschow zusammen mit dem Präsidium des ZK der KPdSU am 26. Mai 1961. In seiner Rede vor den engsten Parteigenossen wies er darauf hin, dass US-Botschafter Llewellyn E. Thompson beim letzten Treffen der beiden Politiker Verständnis für die Sorge geäußert habe, dass viele Leute aus der DDR fliehen, und vorgeschlagen habe, „lassen sie uns irgendwelche Maßnahmen dagegen unternehmen“. Dass dies bedeutete, im Notfall auch militärische Macht zu demonstrieren und für diesen Zweck die sowjetischen Streitkräfte in der DDR zu verstärken, machte Chruschtschow unmissverständlich klar: „Zunächst müssen wir Artillerie- und Schützenwaffen senden und dann Soldaten schicken, damit wir dort für den Fall einer Provokation starke Positionen haben.“

Mitte Juli 1961 standen in Moskau und Ost-Berlin die Entscheidung zur Grenzabriegelung und die dafür notwendigen Maßnahmen fest. Zur Sperrung der Grenze nach West-Berlin wurde von der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland im Auftrag von Chruschtschow ein konkreter Maßnahmenplan erarbeitet. Die unmittelbare Abriegelung der Grenze sollte durch Truppen der NVA und der Volkspolizei erfolgen. Die sowjetischen Truppen erhielten die Aufgabe, sich in voller Kampfbereitschaft in der zweiten Reihe zu halten. Dadurch sollte den Westmächten klargemacht werden, dass jeder Versuch, den Status an der Grenze zu ändern, unweigerlich zur militärischen Konfrontation mit der Sowjetunion führen würde.

Am 25. Juli fand schließlich zur unmittelbaren Abstimmung der Grenzschließung ein Treffen zwischen dem Chef des Stabes der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und dem Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee der DDR statt. Dort wurden die Details der Sicherung der Sektorengrenzen in Berlin, am „Ring um Berlin“ sowie an der „Staatsgrenze West“ besprochen.

Damit zeigt sich, dass die immer wieder zitierte Kennedy-Rede zur Berlinkrise vom selben Tag offenbar keinen Einfluss auf die sowjetische Entscheidungsfindung zum Mauerbau hatte. Als der US-Präsident seine Fernsehansprache an die amerikanische Bevölkerung hielt, war die Grenzschließung bereits beschlossene Sache.

Nur zwei Tage nach dem Treffen der beiden Stabschefs und der Rede Kennedys, am 27. Juli 1961, kamen Vertreter des Innenministeriums der DDR mit den sowjetischen Militärs in Ostdeutschland zusammen, um den endgültigen Plan „zur Sicherung der Sektorengrenze“ auszuarbeiten. Am Ende des Treffens lag schließlich eine genaue Karte der Sperrmaßnahmen in und um Berlin vor. Anfang August wurde dann an der Westgrenze der DDR damit begonnen, 18 200 Betonsäulen, 150 Tonnen Stacheldraht, fünf Tonnen Bindedraht und zwei Tonnen Krampen zum Transport nach Berlin vorzubereiten.

Für alle unmittelbar an der Abriegelung der Grenzen zu West-Berlin Beteiligten in Moskau und Ost-Berlin war Ende Juli/Anfang August 1961 klar, dass der Mauerbau unmittelbar bevorstand. Lediglich die konkreten Einsatzbefehle für die vorgesehenen Einheiten mussten noch präzisiert werden.

Hatte Chruschtschow der ihm von Ulbricht aufgedrängten Abriegelung zunächst zögerlich gegenübergestanden und dann vornehmlich aufgrund einer Nützlichkeitserwägung als geringstem Übel zugestimmt, sicherten die Sowjets die einmal getroffene Entscheidung ab. Offen blieb vorerst noch, an welchem Tag die von beiden Seiten perfekt vorbereitete Aktion gestartet werden sollte.

Die Entscheidung über den genauen Termin des Einsatzes der Streitkräfte der DDR und UdSSR zur Grenzschließung in Berlin fiel kurz vor der Sitzung des Politisch Beratenden Ausschusses des Warschauer Paktes in Moskau. Am 1. August 1961 erörterten Chruschtschow und Ulbricht im vertraulichen Gespräch die Details der bevorstehenden Grenzschließung. Das jetzt zugängliche Protokoll dieses Treffens belegt, dass der sowjetische Partei- und Regierungschef in der Endphase der Vorbereitung des Mauerbaus die treibende Kraft war und dem SED-Chef klar und unmissverständlich seine Vorstellungen zur Schließung der Grenzen in und um Berlin diktierte. Bereits zu Beginn des Gesprächs legt Chruschtschow seinem Gegenüber dar, dass es zur Sperrung der Grenze keine Zeit und Alternative mehr gebe: „Ich habe unseren Botschafter gebeten, Ihnen meinen Gedanken darzulegen, dass man die derzeitigen Spannungen mit dem Westen nutzen und einen eisernen Ring um Berlin legen sollte.“

Für die DDR sah Chruschtschow vor allem eine Polizeifunktion vor: „Ich bin der Meinung, den Ring sollten unsere Truppen legen, aber kontrollieren sollten Ihre Truppen.“ Gleichzeitig machte der sowjetische Partei- und Staatschef klar, dass er bereit war, ein hohes Risiko einzugehen: „Wenn man uns Krieg aufzwingt, dann wird es Krieg geben.“ Außerdem, so Chruschtschow zu Ulbricht, „hilft das Ihnen, denn es reduziert die Fluchtbewegung“.

Militärisch sei von der Sowjetunion bereits alles vorbereitet, erklärte der KPdSU-Chef weiter, sein Generalstab habe bereits alle entsprechenden Pläne ausgearbeitet: „An der Grenze zur BRD werden sich unsere Panzer hinter den Stellungen eurer Soldaten eingraben. Das tun wir so ,geheim’, dass es der Westen mitbekommt.“ Zugleich stellte er die Verlegung weiterer sowjetischer Truppen in die DDR in Aussicht.

Tatsächlich verstärkte die Sowjetunion bis August 1961 ihre Truppen in der DDR um gut 37 500 Mann sowie um mehr als 700 Panzer. Zugleich wurden an der polnischen Westgrenze weitere 70 000 Soldaten stationiert. Die Südgruppe der Roten Armee in Ungarn erhielt ebenfalls 10 000 Mann zusätzlich. Damit war die Mannschaftsstärke der sowjetischen Truppen in Mitteleuropa im Vorfeld des Mauerbaus um etwa 25 Prozent erhöht worden – auf mehr als 545 000 Mann. Die Sowjetarmee hatte damit fast ein Drittel ihrer Landstreitkräfte für die militärische Absicherung der Grenzschließung in Berlin in der DDR, Polen und Ungarn konzentriert.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August begann die Absperrung der Sektorengrenzen in Berlin. Mit einem Personalaufwand von etwa 5000 Grenz- und ebenso vielen Volkspolizisten sowie 4500 Mitgliedern der Kampfgruppen und über 7300 NVA-Soldaten gelang bis sechs Uhr am Morgen des 13. August die Abriegelung West-Berlins.

Die Schließung der Sektorengrenzen in Berlin vom August 1961 war in ihrer militärischen Durchführung eine erfolgreiche Operation der Sowjetunion und der DDR, deren Geheimhaltung hervorragend gelungen war.

Dass die Hauptverantwortung für den Mauerbau bei ihm und nicht bei SED-Chef Ulbricht lag, machte der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow bereits am 9. November 1961 in einem Gespräch mit dem bundesdeutschen Botschafter in Moskau, Hans Kroll, deutlich: „Natürlich, ohne uns hätte die DDR die Grenze nicht geschlossen. Warum sollten wir uns hier hinter dem Rücken von Gen. Ulbricht verstecken? Sein Rücken ist in diesem Fall sowieso nicht so breit.“

Nur wenig später, im Februar 1962 zeigte sich im erneuten Gespräch zwischen Chruschtschow und Ulbricht, dass der Mauerbau das wirkliche Problem der DDR – ihre fortwährende wirtschaftliche Schwäche – nicht hatte lösen können. Den ständigen Forderungen des SED-Chefs nach Rohstoffen und frischen Krediten hielt der Machthaber im Kreml entgegen: „Man muss die Frage nicht so stellen, wie viel mehr wir liefern können, sondern wie viel sie brauchen. Oder wir werden ihnen ständig Kredite geben, oder sie werden wirtschaftlich zusammenbrechen und stürzen. Wir können uns nicht nur auf Maschinengewehre stützen. Die Frage besteht darin: Entweder kann ihre Wirtschaft mit dem Westen konkurrieren, oder sie werden stürzen.“

Damit hatte Chruschtschow in politischer Weitsicht das Ende der DDR vorweggenommen. Als die sowjetische Führung und ihre Streitkräfte nicht mehr bereit waren, die Politik der SED mit Waffengewalt zu schützen, brachen im Herbst 1989 die DDR und damit auch die Mauer wie ein Kartenhaus zusammen.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut Moskau.

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