60 Jahre Sexualreport : Kinsey enhüllt das Untenrum der Amerikaner

Alfred Charles Kinsey verstand sich stets als nüchterner, aufklärender Wissenschaftler. Und doch hat es der Mann vor 60 Jahren geschafft, das Sexualleben der Amerikaner zu verändern wie kein zweiter.

Michael Hörz
Alfred Kinsey
Der US-Biologe Alfred Kinsey. -Foto: dpa

Am 30. Januar 1948 veröffentlicht Kinsey "Das sexuelle Verhalten des Mannes", 1953 folgt das "Sexuelle Verhalten der Frau". Das "Untenrum" der Amerikaner wurde bis dahin kaum öffentlich diskutiert. Auftritt Dr. Kinsey: Fast alle Männer masturbieren, sehr viele Amerikanern sind zu einem gewissen Grad bisexuell. Ungewöhnliche sexuelle Orientierungen sind gar nicht so ungewöhnlich beziehungsweise ziemlich verbreitet, stellt der Biologe fest. Ein Schrei der Entrüstung geht durch das Land.

Der Bericht steht in einem ziemlichen Gegensatz zu den damals vorherrschenden Ansichten über Sex: Relativ verschwiegen und verschämt praktizieren verheiratete Paare ihre "eheliche Pflichten", deren wesentlicher Zweck die "Reproduktion" ist. Doch was schreibt Kinsey? Neun von zehn Männern masturbierten, bei Frauen ist die Zahl geringer, aber auch noch ziemlich relevant: Über 60 Prozent der befragten Frauen geben an, regelmäßig Sex mit sich selbst zu haben. Mehr noch: Kinsey hält fest, dass Masturbation bei alleinstehenden und auch bei verheirateten Frauen eine wesentliche Quelle der sexuellen Befriedigung ist.

Alfred Kinsey ist eigentlich ein Biologe, der sich anfangs mit Insekten beschäftigt, und eher durch einen Zufall zur Sexualwissenschaft gelangt: Mitte der 30er Jahre wird der Zoologie-Professor gebeten, "Eheberatungskurse" für seine Studenten an der Universität von Indiana abzuhalten. Er beginnt, seine Studentinnen über ihr Sexualverhalten zu befragen. Damit handelt er sich Ärger mit Kirchen ein, denen das Reden über Sex nicht passte, noch dazu wenn ein Mann seine Studentinnen befragte. Der Wissenschaftler stellte auf die Fragebogen-Methode um und gründete ein Forschungsinstitut an seiner Universität. Künftig gehen eigens ausgebildete Interviewer durchs Land und befragen schließlich fast 20.000 Amerikaner anhand festgelegter Fragebögen.

Kinsey wirbelt die Öffentlichkeit ziemlich durcheinander. Der Wissenschaftler hält schlichtweg die gesellschaftliche Realität fest, die wenig mit den öffentlichen Moralvorstellungen zu tun hat. Mehr als zwei Drittel der befragten Männer hat laut Kinsey Sex vor der Ehe, die Hälfte der befragten Frauen ebenfalls. Wenn Kinsey das alles in den 70ern veröffentlicht hätte, wäre das kein großer Umstand gewesen - auch deswegen, weil in Amerika zu diesem Zeitpunkt schon längst die sexuelle Revolution stattfand. Und Kinsey gilt als einer ihrer Wegbereiter.

Doch wir sind nicht in den Siebzigern, sondern in den späten Vierzigern. Es ist eine Zeit, in der Oralverkehr, Sex zwischen Schwarzen und Weißen und auch vorehelicher Sex in vielen Bundesstaaten verboten ist. Kinsey sorgt sich um die Seriosität: Er veröffentlicht sein Buch bewusst bei einem Fachverlag und setzt einen ungewöhnlich hohen Verkaufspreis durch. Doch "Das sexuelle Verhalten des Mannes" wird trotzdem ein Bestseller. Die Ergebnisse des Buches bringen das konservative Amerika zum toben. Kirchen und Politiker machten Front gegen den Wissenschaftler, weil es gar nicht in das Bild des enthaltsamen, gesitteten Amerikaners passt. Nebenbei räumt die Studie noch mit der "30-Zentimeter-Lüge" auf, weil alle befragten Männer aufgefordert wurden, ihren Penis zu vermessen.

Entrüstete Konservative, skeptische Wissenschaftler

Nach der Veröffentlichung wird Kinsey in vieler Weise angegriffen. Man unterstellt ihm, er sei bisexuell und masochistisch, habe Kinder missbraucht und mit seinen männlichen Studenten Sex gehabt. Auffällig an all diesen Vorwürfen ist vor allem eines - sie wuchern auch heute noch wie eine große Verschwörungstheorie. Und kein einziger wird jemals belegt. Auch heute noch wird Kinsey für den "Verfall" der Gesellschaft mit verantwortlich gemacht. Der historische Treppenwitz: Kinsey stammt aus einem streng religiösen Elternhaus und wählte sein ganzes Leben lang die Republikaner.

Auch Wissenschaftler zweifeln seinerzeit an der Seriosität der Daten: Kinsey wertet Interviews mit Männer und Frauen aus, deren Daten er anonymisiert verwendet. Statistiker führen an, dass die Auswahl der Interviewten nicht repräsentativ ist. So setzt sich die Gruppe unter anderem zu einem Viertel aus Sträflingen oder ehemaligen Sträflingen zusammen, fünf Prozent sind männliche Prostituierte, und viele Freiwillige nehmen an den Interviews teil. Außerdem sind weiße Hochschulabsolventen unter 35 sehr stark darin vertreten. Die Amerikanische Statistikvereinigung wird vom Nationalen Wissenschaftsrat beauftragt, Kinseys Studie im Detail zu überprüfen. Das dauert sechs Jahre, und das Ergebnis ist niederschmetternd - für alle Zweifler und Kritiker. Denn die Statistiker stellen fest, dass Kinsey trotz allem eine bahnbrechende Studie vorgelegt hat.

Für die Interviews werden Kinsey und seine Mitarbeiterinnen von der Rockefeller-Stiftung bezahlt. Sie haken einen Katalog von 300 bis 500 standardisierte Fragen ab. Am 1947 gegründeten Institut für Sexualforschung" an der Universität von Indiana analysieren sie die Daten. Kinseys Nachfolger kümmert sich darum, die große Menge der gesammelten Daten von Faktoren zu säubern, die die Ergebnisse verfälschen könnten. Eine ziemlich aufreibende Aufgabe, letztlich braucht er dafür über 20 Jahre. Das Ergebnis aber bestätigt im Wesentlichen die Folgerungen, die Kinsey ursprünglich gezogen hatte.

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