75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion : Temporärer Gedenkort in Berlin

Auf dem Potsdamer Platz erinnert eine Ausstellung an den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion - bis April 2017. Gedenkstättenleiter fordern einen dauerhaften Gedenkort.

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Menschen stehen vor Plakatwänden einer Freiluftausstellung und lesen die Texte.
Auf Zeit. Die Ausstellung zum Krieg gegen die Sowjetunion auf dem Potsdamer Platz ist bis April 2017 zu sehen. Gedenkstättenleiter...Foto: Jörg Carstensen/dpa

Am 22. Juni 1941 begann das „Unternehmen Barbarossa“, der Angriffskrieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion. Es begann das bei Weitem verlustreichste und vor allen Dingen grausamste Kapitel des Krieges in Europa, der sich Ende 1941 zum Weltkrieg weitete.

Der Krieg gegen die Sowjetunion bildet den Kern der Planungen Hitlers. Von Anfang an wollte er „Lebensraum im Osten“ erobern, und 1941 wurde unverblümt mitgeteilt, „Zweck des Russlandfeldzugs“ sei „die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen“.

Vernichtungskrieg: Auf sowjetischer Seite starben 27 Millionen Menschen

Das ist in der Folge des Angriffs auf die Sowjetunion tatsächlich geschehen; Historiker schätzen die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer auf 27 Millionen. Der Anteil von Zivilisten überwiegt den der Soldaten, ein Hinweis auf den Vernichtungswillen, mit dem der Krieg von der Wehrmacht und den nachrückenden Formationen wie vor allem der SS geführt wurde. Zu den militärischen Opfern zählen nicht zuletzt 3,3 Millionen kriegsgefangene Rotarmisten, die in den deutschen Lagern systematisch dem Tod durch Hunger und Seuchen ausgesetzt wurden.

Daran soll eine Open-Air-Ausstellung am Potsdamer Platz erinnern, die am Dienstag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und dem Botschafter der Russischen Föderation, Wladimir Grinin, eröffnet wurde. Erarbeitet hat sie die „Ständige Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum“, darunter Topographie des Terrors, Haus der Wannseekonferenz und Denkmal der ermordeten Juden Europas. Finanziert wurde die Ausstellung mit 48 000 Euro aus dem Etat der Kulturstaatsministerin. Auf zehn Tafeln, beidseitig auf einer Art Mauerwerk angebracht, werden die wichtigsten Fakten zu Entstehung, Zielsetzung und Durchführung dessen vermittelt, was bei der Wehrmacht verharmlosend „Russlandfeldzug“ hieß und tatsächlich – so der Titel der Ausstellung und ihrer begleitenden Broschüre – ein „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941–1945“ war. Die Ausstellung auf dem Potsdamer Platz direkt neben dem Bahn-Tower ist bis 30. April 2017 zu sehen, die Broschüre – in Deutsch, Englisch und Russisch – ist in den beteiligten Einrichtungen erhältlich.

Erschütternde Fotodokumente

Nicht der militärische Verlauf in Gestalt von Schlachten, Eroberungen und Gegenoffensiven steht im Vordergrund, sondern der Charakter der deutschen Kriegsführung als Kombination aus Völkermord an den Juden, Aushungerung und Vernichtung der einheimischen Bevölkerung und brutalen Repressionsmaßnahmen gegen den Widerstand von Partisanen. Erschütternde Fotodokumente von Massenerschießungen, Leichenhaufen oder Brandschatzungen, erläutert von kurzen Texten, stellen diese mörderische Dimension des Krieges heraus.

Dessen Opfer rückte auch Russlands Botschafter Grinin bei der Eröffnung der Ausstellung in den Mittelpunkt: „27 Millionen – das ist der schreckliche Preis, den das sowjetische Volk für seine Existenz und die vieler anderer Völker Europas und Asiens gezahlt hat“. Grütters betonte, „die Erinnerung an die Verbrechen und Gräuel wachzuhalten, die unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in deutschem Namen geschehen sind“, bleibe „für uns Deutsche eine immerwährende Verantwortung und Verpflichtung“. Sie beklagte, „dieser Krieg“ habe „bei uns aus vielerlei Gründen bis heute keinen angemessenen Platz im öffentlichen Bewusstsein. Das soll sich ändern“.

Günter Morsch, der als derzeitiger Vorsitzender der „Ständigen Konferenz“ für die beteiligten Einrichtungen sprach, betonte, dass der „Krieg gegen die Sowjetunion von allen das NS-Regime tragenden Institutionen – Staat, Wehrmacht, Wirtschaft und NS-Bewegung – unterstützt“ wurde.

Ein Erinnerungszeichen im Zentrum Berlins gefordert

Darüber hinaus verwies er auf die Ausbeutung der nach Deutschland verbrachten Zwangsarbeiter: „So beteiligte sich nicht nur die Front, sondern auch die Heimat am Vernichtungskrieg.“ Morsch nannte es „überfällig, dass im Zentrum Berlins ein Erinnerungszeichen und Gedenkort errichtet“ werde. Grütters, nach der Veranstaltung befragt, sagte zwar, sie bevorzuge „andere Formen der Erinnerung“, doch bekräftigte sie, „dieser Aspekt unserer Geschichte“ sei „bislang unangemessen gering gewürdigt worden“.

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