Ägypten : Schrei nach Bildung

Marode Schulen, ausufernde Nachhilfe, Korruption: Ägypten braucht eine große Bildungsreform.

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Länger lernen. Bis zu 80 Schüler sitzen in ägyptischen Klassen, die meisten besuchen nachmittags noch eine Nachhilfeschule.
Länger lernen. Bis zu 80 Schüler sitzen in ägyptischen Klassen, die meisten besuchen nachmittags noch eine Nachhilfeschule.Foto: Reuters

Die Forderung „Bessere Chancen für die junge Generation!“ gehört zu den großen Themen der Demokratiebewegung in Ägypten. Sollen der gesellschaftliche Aufbruch und der wirtschaftliche Aufschwung für breite Kreise gelingen, braucht das Land eine grundlegende Bildungsreform, denn das ägyptische Schul- und Hochschulwesen ist von enormen Defiziten geprägt. Zugleich ist Ägypten eines der Schwellenländer, in denen von einem „youth bulge“ (Jugendüberschuss) gesprochen wird: Knapp 32 Prozent der 83 Millionen Ägypter sind unter 15 Jahre alt, rund die Hälfte ist unter 30. Vor allem die Jungen gehen auf die Straße, darunter viele arbeitslose Hochschulabsolventen.

Das gesamte staatliche Bildungssystem sei „dramatisch unterfinanziert“. Vom Dorfschullehrer bis zum Hochschulrektor müssten alle Zweit- oder Drittjobs nachgehen, um ihre Familien zu ernähren, sagt Christian Hülshörster, Nordafrika- und Nahost-Experte des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und bis vor kurzem Leiter des DAAD-Büros in Kairo. Die meisten geben ihren Schülern und Studenten nachmittags und abends Privatstunden, in denen der Rückstand aus dem mangelhaften Unterricht aufgeholt wird. Guten Privatunterricht, der sehr gute Noten in der staatlichen Abschlussprüfung garantiert, kann sich allerdings nur die Ober- und Mittelschicht leisten. Doch selbst unter den Hochschulabsolventen finden viele keinen Job. Die besten Chancen haben Ärzte und Ingenieure, die an renommierten Unis ausgebildet wurden, sagt Hülshörster. Das Heer der arbeitslosen Akademiker rekrutiert sich vor allem aus Geistes- und Sozialwissenschaftlern, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern.

Offiziell gibt es in Ägypten „freie Bildung für alle“, seit Mitte der 50er Jahre sind Schulen und Hochschulen grundsätzlich gebührenfrei. Doch seit Ende der 70er Jahre werde das Bildungssystem dem in der Nasser-Ära formulierten hohen Anspruch nicht mehr gerecht, sagt Sarah Hartmann, Doktorandin an der Graduiertenschule „Muslim Cultures and Societies“ an der Freien Universität Berlin. Sie erforscht das System der privaten Nachhilfeschulen in Ägypten.

Von der Grundschule bis zur Sekundarschule (siehe Infokasten) werden 40 bis 80 Schüler pro Klasse vormittags in häufig maroden Räumen von Lehrkräften unterrichtet, deren Gehalt von 50 bis 100 Euro nicht einmal das Existenzminimum abdeckt. Nachmittags geht der Unterricht weiter – in den Wohnungen der Lehrer oder der Schüler, in privaten Nachhilfezentren. An diesen Schattenschulen könnten Lehrer das Zehnfache ihres offiziellen Lohns verdienen, indem sie Schüler auf die staatlichen Prüfungen am Ende der Mittelstufe oder zum Abitur vorbereiten, sagt Hartmann.

In den letzten Jahren vor der Abschlussprüfung nehmen geschätzte 80 Prozent aller Schüler an den Paukkursen teil. Legal ist das nicht, offiziell verfolgen die Schulbehörden Fälle von Korruption und verbieten den Nebenerwerb der Lehrer. Doch die zahlen häufig ihrem Rektor einen Teil ihrer privaten Einkünfte, und bei dem kassieren wiederum Behördenvertreter einen Obolus. Auch Schüler kaufen sich frei. Viele nehmen in den letzten beiden Schuljahren nur noch Privatstunden, die staatlichen Klassen sind leer. Großer Nachfrage vor allem aus der Oberschicht erfreuen sich dagegen die deutschen, französischen und englischsprachigen Privatschulen, die perfekte Fremdsprachenkenntnisse, Aussichten auf ein Studium an einer renommierten Universität und damit Jobchancen im eigenen Land oder im Ausland versprechen. Allein vier deutsche Schulen, darunter die Deutsche Evangelische Oberschule Kairo in Kairo und die Deutsche Schule der Borromäerinnen in Kairo und Alexandria, führen zum deutschen Abitur.

An der evangelischen Schule, wo das jährliche Schulgeld für Ägypter gut 2000 Euro beträgt, haben etwa die Sawiris-Brüder gelernt, sie stammen aus einer einflussreichen koptischen Familie und gehören heute als Telekommunikations- und Tourismusunternehmer zu den reichsten Männern Ägyptens. Allerdings nehmen auch Privatschüler häufig privaten Nachmittagsunterricht. Der Druck, bei den nationalen Prüfungen an Ende der 6., 9. und 12. Klasse sehr gut abzuschneiden, lastet auch auf ihnen.

Stetig wächst auch die Zahl der privaten Hochschulen, neben der American University Cairo und der German University Cairo gibt es britische, französische, russische und chinesische Uniableger. Tourismustycoon Samih Sawiris hat in Berlin jedoch insbesondere die amerikanischen Gründungen kritisiert. Häufig böten sie Schmalspurprogramme und kaum hochwertige Masterstudiengänge. Damit warb Sawiris für sein Projekt, einen Campus der TU Berlin, an der der Unternehmer in den 80er Jahren studiert hat, im Feriendorf El Gouna. An der „wissenschaftlichen Außenstelle der TU Berlin“ sollen möglichst im Oktober dieses Jahres Masterstudiengänge zu den Zukunftshemen Energiegewinnung, Stadtentwicklung und Wasser eröffnet werden.

In einem Länderbericht von 2009 haben OECD und Weltbank das ägyptische Bildungssystem als „dysfunktional“ beschrieben. „Schlecht ausgebildete Arbeitskräfte“ seien ein Grund für die gebremste wirtschaftliche Entwicklung des Landes – neben Finanzierungsproblemen und einer ineffektiven Verwaltung.

Die Defizite des Bildungswesens seien schon seit Jahren „ein Riesenthema“, und Kritik sei von der Regierung Mubarak auch zugelassen worden, sagen Hülshörster und Hartmann. Kürzlich wurde ein Wissenstest für Lehrer eingeführt. Wer ihn besteht, soll ein höheres Gehalt bekommen. Ein Streik der Hochschullehrer hat 2009 zu einer zehnprozentigen Gehaltserhöhung geführt. Doch die Zuschläge deckten gerade einmal die Inflationsrate.

Welche Reformen stehen nun an, um die Bildungsmisere zu lindern? Mit dem Geld der Eltern, das in das System der Schattenschulen fließt, könnte man viel bewegen, sagt Hartmann. Doch Gebühren für staatliche Schulen einzuführen, passt nicht zum ersehnten demokratischen Wandel.

An den Hochschulen tut sich schon etwas – zunächst in Richtung Demokratisierung. Der neue Bildungsminister Ahmed Gamal Moussa hat nach einem Bericht des Online-Portals „University World News“ die repressive Campus-Polizei abgezogen, Mubarak-treue Studentenvertretungen aufgelöst und Neuwahlen anberaumt. In der vergangenen Woche haben Studierende und Unimitarbeiter mit Sitzstreiks für den Rücktritt der vom Regime ernannten Rektoren und Dekane protestiert.

Sarah Hartmann ist fasziniert vom Bildungshunger der Ägypter. Trotz der Missstände an Schulen und Universitäten sähen sie Bildung weiterhin als hohes Gut an. Auch Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der OECD in Paris, stellt ein reges Interesse der Ägypter an der Entwicklung ihres Bildungswesens fest. Ägypten werde an der Machbarkeitsstudie zum Studierenden-Test der OECD teilnehmen, sagt Ischinger, „obwohl das eine Menge Geld kostet“. Die Studie Ahelo (Assessment of Higher Education Learning Outcomes) soll die analytischen Fähigkeiten von Studierenden untersuchen und den Hochschulen Hinweise darauf geben, wie sie selbst didaktisch besser werden können, besonders in den Ingenieurs- und den Wirtschaftswissenschaften.

Deutschland will Ägypten jetzt beim Ausbau des Bildungssystems helfen. Das Bundeskabinett hat am Mittwoch vergangener Woche beschlossen, im Rahmen der EU-Kooperationspartnerschaft 40 Millionen Euro für Stipendienprogramme und Bildungspartnerschaften mit Schulen und Hochschulen in Ägypten und Tunesien bereitzustellen.

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