Ärzte und Empathie : "Ich könnte du sein"

Empathie und Einfühlungsvermögen sind ein zentraler Teil des ärztlichen Denkens und Handelns. Deswegen sollten sie ein Herzstück der Ausbildung sein. Ein Gastbeitrag.

Michael de Ridder
Empathie gefragt. Ein Hausarzt im Patientengespräch.
Empathie gefragt. Ein Hausarzt im Patientengespräch.Foto: picture-alliance/dpa

Empathie – ein schwer zu fassender, wolkiger Begriff, der nicht nur Philosophen und Künstler, Neurobiologen und Mentaltrainer anzieht und fasziniert, ein Modewort geradezu, dem etwas Magisches anhaftet und mit dem wir Wärme und Zuwendung assoziieren. Ein Begriff jedoch auch, dessen Gehalt keineswegs unumstritten ist.

Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin sieht eine empathische Zivilisation heraufziehen; Jan Slaby, Philosoph an der Freien Universität Berlin, hingegen behauptet, Empathie, verstanden als der Versuch, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, sie zu erleben, wie der andere sie erlebt, wäre zweifellos sehr interessant; es funktioniere aber nicht, „weil ein empathischer Perspektivenwechsel grundsätzlich unmöglich“ sei. Der einflussreiche amerikanische Psychologe Paul Bloom, ein erklärter Empathiegegner, meint gar, Empathie sei „ein Bauchgefühl, das einen wegschwemmt“. Sollte dies auch für die Arzt-Patient-Beziehung zutreffen

Gelebte Menschlichkeit

Empathie – ein Begriff, der eingebettet ist in Zuhören und Verstehen; er signalisiert Nähe, zuhören können und Aufgehobenheit – in einem Wort: Gelebte Menschlichkeit. Die aber ist in unserer von Krisen, Ängsten und Orientierungslosigkeit geprägten Gesellschaft zu einem raren Gut geworden, auch und gerade in der Medizin, wo sie, Menschlichkeit und Empathie, von Patienten und Angehörigen allzu oft vermisst wird.

Das hat vielschichtige Gründe. Unter ihnen ist der Einzug des viel beklagten Ökonomisierungsdrucks in die ärztliche Versorgung sicher ein bedeutender. Wen wundert es heute noch, dass für sprechende Medizin kaum mehr Zeit bleibt und das Selbstverständnis manches Arztes als „Dokumentationsdrohne“ das eines zugewandten empathischen Arztes mehr und mehr überspielt? Und doch hat der viel beklagte Empathieverlust in der ärztlichen Versorgung tiefer liegende Gründe, denn nicht allein fehlende Zeit für Gespräch und Zuwendung ist es, die das, was Empathie meint, verhindert.

„Ich könnte du sein.“

Empathie bedeutet „einfühlendes Verstehen“; mit den Augen des anderen sehen, mit den Ohren des anderen hören zu können und es ihm mitzuteilen, das heißt zu spiegeln. Der australische Kognitionswissenschaftler Carl Rogers betont die „Als-ob“-Eigenschaft einer solchen Gesprächssituation: „Ich könnte du sein.“ Diese Als-ob-Eigenschaft eines aktiv Zuhörenden (die im Gespräch streng einzuhalten ist) ist keinesfalls zu verwechseln mit den Begriffen Mitgefühl und Sympathie, und schon gar nicht mit dem der Identifikation, die gerade das Gegenteil einer Als-ob-Situation darstellt. Sympathie ist eine wertende Zustimmung zu den Gefühlen und Ideen eines anderen; sie liegt damit, ebenso wie Mitgefühl und Mitleid, auf einer anderen Bezugsebene zum Patienten. Deswegen auch spricht Rogers nicht von der Gefühlswelt des anderen, sondern von seiner Wahrnehmungswelt. Ein Beispiel:

Patientin: Die Diagnose Brustkrebs hat mich zutiefst erschreckt ... sie traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel …

Arzt: Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist … Ihr Leben ist jetzt ein anderes … es scheint Ihnen völlig aus der Bahn geworfen … ist es das, was Sie meinen?

Patientin: Ja … Sie sagen es. Meinen Sie … dass ich mich je wieder wie ein gesunder Mensch fühlen werde?

Arzt: Ich weiß es nicht … versuchen Sie Mut zu fassen; ich tue mein Möglichstes für Sie … die Medizin steht ja nicht mit leeren Händen da …

Patientin: Glauben Sie wirklich, dass ich stark genug bin, die Therapie durchzustehen?

Arzt: Mein Eindruck ist, dass Sie nicht so schnell aufgeben … spüren Sie das nicht auch in sich?

Patientin: Ich kann kaum glauben, dass Sie mich so sehen … meinen Sie also, wir sollten morgen mit der Chemo beginnen?

Arzt: Je früher, desto besser … ich lege Ihnen persönlich die Infusion an … haben Sie einen Musikwunsch?

Was ist der Gehalt eines solchen Gesprächs? Die Patientin fühlt sich angenommen und verstanden. Spiegeln bedeutet für sie, dass sie Partnerschaft und Toleranz erfährt und zur Selbstreflexion ermutigt wird. Für den Arzt stellt Spiegeln eine klare Form patientenzentrierter Gesprächsführung dar, die ihm dennoch einen ausgewogenen Umgang von Nähe und Distanz zum Gegenüber ermöglicht. Spiegeln ist die wirksamste Methode, dem Patienten zu signalisieren, dass der Arzt ihm zuhört und „bei ihm“ ist.

Ärzten fällt es unterschiedlich leicht, eine solche Haltung einzunehmen, weil empathisches Verhalten Voraussetzungen erfordert, die sie oftmals nicht oder nur teilweise erfüllen. Da ist die ethische Grundhaltung des Arztes zu seiner Profession und sein persönliches Interesse an sozialem Engagement. Da ist seine Bereitschaft, sich emotional berühren zu lassen, damit umgehen zu können und nicht zuletzt seine Fähigkeit, die Qualität seiner Beziehung zum Patienten wahrzunehmen und durch Spiegelung zu beeinflussen. Manche Ärzte sehen sich im Verhältnis zu ihren Patienten dagegen mehr dem Gleichmut und der Leidenschaftslosigkeit verpflichtet. Empathie sei Illusion. Und doch finden Empathieseminare, die im Rahmen des Medizinstudiums angeboten werden, regen Zulauf. Anzeichen eines neuen Denkens künftiger Ärzte?

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