Affen und Frühmenschen : Die Klingen der Kapuzineraffen

Bisher glaubte man, das Herstellen scharfer Steinwerkzeuge sei eine Domäne des Menschen. Aber das könnte ein Irrtum sein.

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Handwerker. Der Kapuzineraffe schlägt gezielt Steine aufeinander, um an Quarz- Sand zu kommen. Dabei nutzt er einen Stein als Hammer, von dem Stücke absplittern.
Handwerker. Der Kapuzineraffe schlägt gezielt Steine aufeinander, um an Quarz- Sand zu kommen. Dabei nutzt er einen Stein als...Foto: M. Haslam

Werden bei Ausgrabungen Steine mit messerscharfen Kanten gefunden, schreibt man ihre Herstellung meist Menschen zu. Als Blatt oder Klinge wurden sie vielleicht in Äxten oder Messern verwendet. Aber womöglich beherrschen auch Affen die Steinmetzkunst. Als Werkzeugmacher kommen etwa Kapuzineraffen in Frage, berichten Tomos Proffitt und Lydia Luncz von der Universität Oxford gemeinsam mit ihren Kollegen jetzt im Fachblatt „Nature“.

Die Rückenstreifen-Kapuziner (Sapajus libidinosus) leben im Serra da Capivara Nationalpark im Osten Brasiliens stellen. Ähnlich wie Schimpansen verwenden sie Werkzeuge: „Sie hämmern mit Steinen auf Nüsse, um an den nahrhaften Kern heran zu kommen“, sagt Ammie Kalan vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die das Verhalten von Schimpansen untersucht.

Die brasilianischen Kapuzineraffen benutzen Quarz-Steine, um Knollen auszugraben oder Nüsse zu öffnen. Doch manchmal schlagen sie mit ziemlicher Wucht auf andere Quarz-Stücke, die noch fest im Untergrund stecken. Offenbar wollen die Tiere die Steine beschädigen, vermuten die Forscher. Immer wieder springen Splitter vom „Hammer“ oder vom Stein ab, der noch im Boden steckt. Die so erzeugten Abbruchkanten sind im Quarz oft messerscharf. Mit ihrer Hilfe könnte man die Pflanzen-Nahrung der Kapuzineraffen gut zerlegen – die Tiere haben Klingen hergestellt. Nur scheint ihnen das gar nicht klar zu sein. Jedenfalls konnten die Forscher kein einziges Mal beobachten, dass die Äffchen ihre Klingen als solche benutzt hätten. Sie begnügen sich damit, etliche der Bruchstücke abzulutschen.

Es könnte der erste Schritt zur Werkzeug-Herstellung von Frühmenschen gewesen sein

Die Wissenschaftler vermuten, dass sie durch das Hämmern an Spurenelemente wie Silizium herankommen, die im Quarz-Staub enthalten sind. Konkrete Hinweise auf diese Theorie nennen sie allerdings nicht. Verhaltensbiologen wie Ammie Kalan fasziniert die Beobachtung aus einem anderen Grund. „Solche scharfen Bruchkanten herzustellen, hat man bisher nur dem Menschen und seiner unmittelbaren Verwandtschaft zugetraut“, sagt sie. Zwar entstehen Splitter auch, wenn Schimpansen mit Steinen hämmern. Solche „schlechten Werkzeuge“ tauschen die Tiere meist aus. Die Kapuziner tun das nicht.

„Dieses Verhalten könnte ein erste Schritt zur Werkzeug-Herstellung von Frühmenschen gewesen sein“, vermutet Kalan. Irgendein Vorfahr könnte vor Millionen Jahren wie die Affen in Brasilien Steine aufeinander geschlagen haben und dabei Bruchstücke mit scharfen Kanten erzeugt haben. Als er erkannte, dass er mit diesen Splittern zähe Pflanzenfasern oder Tierhäute durchschneiden konnte, hatte er die erste Klinge erfunden.

Diese Theorie stellt Frühmenschenforscher vor eine Herausforderung. Weil der Körper eines Menschen nach seinem Tod rasch zerfällt, ist von unseren Urahnen wenig übrig geblieben. Steinwerkzeuge sind dagegen viel haltbarer und sollten die Jahrmillionen häufiger unbeschadet überstehen. Werden sie gefunden, dachten Wissenschaftler dabei immer an nahe Verwandte des Menschen. Die Beobachtung in Brasilien widerlegt dieses Alleinstellungsmerkmal.

Menschen arbeiteten bearbeiteten die Klingen gezielt von beiden Seiten

„Deshalb müssen wir noch lange nicht alle Funde von Steinen mit scharfen Kanten aus der frühen Steinzeit Afrikas misstrauisch betrachten“, meint Hélène Roche vom Forschungszentrum CNRS in Paris-Nanterre in einem weiteren Artikel in „Nature“. Die ältesten dieser Relikte sind 3,3 Millionen Jahre alt, bei etlichen von ihnen gibt es deutliche Hinweise auf Frühmenschen als Werkzeugmacher. Das können zum Beispiel Überreste von Tierknochen sein, auf denen noch Kratzspuren von den Steinklingen erhalten sind, die beim Zerlegen eines toten Tieres entstehen. Außerhalb der Regenwälder Afrikas, in denen Knochen rasch zerfallen, steht diese Werkzeug-Geschichte daher auf einem stabilen Fundament.

Die Leipziger Max-Planck-Forscher haben in West-Afrika Steinwerkzeuge beschrieben, die Schimpansen vor 4000 Jahren zum Knacken von Nüssen nutzten. Solche Funde lassen sich gut von den Werkzeugen des Menschen unterscheiden. „Die Klingen von Äxten schlagen Menschen gezielt und symmetrisch auf beiden Seiten scharf“, sagt Kalan. Um an die Spurenelemente in einem Stein heranzukommen, bedarf es dagegen nicht solcher Feinarbeit.

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