Afrika : Impfen mit Hilfe der Geister

Voodo und Impfen? Im westafrikanischen Benin klappt das. Dort arbeiten traditionelle Heiler mit Medizinern zusammen. Nur so können neue wirksame Impfprogramme eingeführt werden.

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Mehr als Folklore. Der Benin ist der Ursprung des Voodoo-Kultes, dem dieser Tänzer huldigt.
Mehr als Folklore. Der Benin ist der Ursprung des Voodoo-Kultes, dem dieser Tänzer huldigt.Foto: Reuters

Dah Aligbonon weiß Rat: Eine Fledermaus, ein Huhn und einen Hahn solle er mitbringen, dazu 1000 Franc Bargeld, verordnet der Heiler dem kranken jungen Mann. Böse Geister hätten es auf ihn abgesehen, doch dank göttlichen Beistands könne sein Leben gerettet werden. Einem anderen Ratsuchenden, der von schlimmen Träumen verfolgt wird, rät der Mann, gegen sein Leiden „Tränen vom Mond“ einzunehmen.

Das westafrikanische Benin gilt als Wiege des Voodoo. Und auch heute ist in der ehemaligen französischen Kolonie die Mehrheit der Bevölkerung von den traditionellen Riten des „Voudun“ beeindruckt. Was viele nicht hindert, gleichzeitig bekennende Christen oder Moslems zu sein. Viele Krankheiten werden ihrer Ansicht nach von bösen Geistern gebracht, die besänftigt werden müssen.

Doch Aligbonon gibt auch ganz anderen Rat: Im Radio empfiehlt er Müttern, ihre Kinder gegen Diphtherie, Tetanus und Masern impfen zu lassen. Ohne die Fürsprache von Männern wie ihm hätten die Impfprogramme weit weniger Erfolg, die die Regierung in Zusammenarbeit mit der Global Alliance for Vaccines and Immunisation (Gavi) unentgeltlich anbietet. Sie sollen helfen, das Millenniumsziel Nummer vier der Vereinten Nationen zu erreichen: Bis zum Jahr 2015 soll die Sterblichkeit unter Babys und Kleinkindern weltweit nur noch ein Drittel der Zahl von 1990 betragen. Impfungen, durch die heute weltweit in jedem Jahr 2,5 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindert werden, sind eines der wichtigsten Mittel zum Erreichen des ehrgeizigen Ziels.

Voodoo und Impfen? „Modern ist, was wirkt“, sagt Gudrun Kopp, Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. „Wenn wir uns auch traditioneller Praktiken bedienen, um die gewünschten Wirkungen zu erreichen, dann ist das gut und richtig so.“ Kopp kommentierte mit diesen Worten im Berliner Zeughauskino einen Film, den die Entwicklungs-Lobby-Organisation One produziert hat. Der Titel: „Voodoo and Vaccines in Benin“ (im Internet auf Youtube zu sehen).

7500 traditionelle Heiler gibt es in Benin, auf 800 Einwohner kommt ein Heiler. Dagegen gibt es heute für 10.000 Bürger nur einen Arzt. Die Heiler genießen hohe Achtung, ihr Rat ist wichtig. „Ohne ihre Hilfe können wir kein wirksames Impfprogramm einführen“, sagt im Film ein hoher Regierungsbeamter.

Dabei ist 2011 ein neues Impfangebot hinzugekommen: Alle Babys können nun auch gegen Pneumokokken geimpft werden. Lungenentzündungen, die von diesen Bakterien verursacht werden, sind in Afrika neben Durchfallerkrankungen und Malaria eine der Hauptursachen für den Tod von Kindern unter fünf Jahren.

Die Akzeptanz der Impfprogramme, die schon seit einigen Jahren laufen, ist in dem westafrikanischen Land gut: 98 Prozent der Kinder sind zum Beispiel gegen Diphtherie geimpft. Aligbonon und seine Kollegen tragen dazu bei. Voodoo-Heiler könnten helfen, das Gesundheitssystem insgesamt zu verbessern, meint Isidore Bio, Botschafter Benins.

Doch noch immer gibt es in seinem Land die Meinung, Krankheiten vorzubeugen bedeute, sie erst herbeizurufen, so wird im Film erläutert. Väter fürchten, dass der böse Blick ihrer Familie schaden könnte, wenn sie die Kinder zu Hause impfen lassen. Oder dass ihre Frauen durch die Impfung unfruchtbar werden. Wahr ist, dass erfolgreiche Impfprogramme sich auf die Geburtenrate auswirken: Wenn die Babys gesund bleiben, entschließen sich ihre Mütter eher zur Empfängnisverhütung.

„Wir schauen uns die Systeme in unseren Partnerländern an. Im Einzelfall kann das bedeuten, dass wir mit traditionellen Heilern zusammenarbeiten“, sagt Günther Taube, von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Auf die Dauer hält er es allerdings für die wirksamste Strategie, auf Bildung zu setzen. Heute sind noch sechs von zehn Erwachsenen in Benin Analphabeten. In der nächsten Generation wird das anders sein, denn inzwischen hat jedes Kind das Recht, eine Schule zu besuchen.

Gavi-Geschäftsführer Seth Berkeley setzt auf die Impfung gegen HPV, das Humane Papilloma-Virus, die bald allen jungen Mädchen angeboten werden soll. Sie sind die zukünftigen Mütter des Landes. Werden die Voodoo-Heiler ihnen und ihren Eltern zu der neuen Impfung raten? Oder werden sie um ihren Ruf bangen, weil die „Konkurrenz“ erfolgreicher ist?

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