Agnes Heller im Porträt : „Ich liebe die schweren Sachen“

Die ungarische Philosophin Agnes Heller hat es zu neuer Popularität gebracht, weil sie öffentlich die Regierung Orbán kritisiert.

von
Labyrinth von Themen. Agnes Heller, 84, kann beim Schwimmen besonders gut nachdenken.
Labyrinth von Themen. Agnes Heller, 84, kann beim Schwimmen besonders gut nachdenken.Foto: picture alliance / dpa

Das Haus, dessen Adresse sie angegeben hat, sieht aus wie ein riesiger Tresor. In der Empfangshalle dämmert ein Wärter vorm Überwachungsmonitor und muss erst telefonisch nachfragen, ob er den Gast zum Lift durchlassen darf. Oben im Gebäude reihen sich in den langen Gängen schnurgerade und endlos identische Türen aneinander, kein Namensschild verrät hier die Bewohner. Als sich im sechsten Stock dann aber doch das richtige Apartment öffnet, denkt man unwillkürlich an einen Safe, der die kleine Dame als einen sehr lebendigen Schatz enthält. „Schmeißen Sie Ihre Sachen einfach irgendwohin“, sagt Agnes Heller, „hier ist es nicht sehr ordentlich.“

Das Auffälligste an dieser zierlichen Person ist ihre Energie, die 84-Jährige brummt geradezu vor Denk- und Tatendrang. Jeden Morgen zieht sie genau 30 Minuten lang ihre Bahnen im Schwimmbad des Apartmenthauses, das sie nur wegen der guten Heizung und des Swimmingpools bewohnt, ihre eigentliche Wohnung, die auch ihre Bibliothek enthält, liegt in der Innenstadt. „Beim Schwimmen kann ich gut nachdenken“, sagt sie, und es ist nicht so, dass sie nicht länger durchhalten könnte. Wenn sie am Balaton ist, verbringt sie eineinhalb Stunden vormittags, eineinhalb Stunden nachmittags im Wasser.

Seit in Ungarn Viktor Orbán im Jahr 2010 zum zweiten Mal Ministerpräsident wurde, ist Heller immer wieder als öffentliche Kritikerin seiner Regierung aufgetreten und hat es damit als politische Philosophin und Intellektuelle zu neuer Popularität gebracht. Sie gibt zahlreiche Interviews und bekam etliche Preise. Drei allein waren es im letzten Jahr. Orbáns chauvinistische Politik nennt sie „Bonapartismus“, die Gewaltenteilung sieht sie als entscheidende Lektion der Moderne. Politik hat nur Anspruch auf Wahrheit, wenn sie kritisierbar bleibt, schrieb Heller in der „Zeit“: „Ideologien sind gefährlich, weil sie ihre eigene Wahrheit dogmatisieren.“ Auf wen diese Kritik abzielt, ist klar, und Heller wird für ihre Äußerungen von der Rechten in Ungarn scharf angegriffen.

Lange durfte Heller nicht lehren und publizieren

Neu sind solche Auseinandersetzungen für sie nicht. Ihr Leben reicht ja lang zurück. Auch unter kommunistischer Herrschaft hatte Heller kein Blatt vor den Mund genommen. Die bekannteste Lukács-Schülerin sah sich selbst als Marxistin, stand aber nach dem ungarischen Aufstand von 1956 lange unter Lehr- und Publikationsverbot. Es war für sie eine schlimme, bleierne Zeit (siehe Kasten).

Agnes Heller spricht gut Deutsch, manchmal nur rutschen ein paar Brocken Englisch hinein, denn das ist die Sprache, in der sie seit mehr als dreißig Jahren unterrichtet. Wenn sie nachdenkt und redet, ist sie ganz bei sich. Die Hände gehen auf und ab, die Arme strecken sich nach rechts und links, Heller stützt wie ein Bauarbeiter die Arme auf die Knie. Sie wirkt wie ein stets bereiter Denk-Automat, der nur darauf wartet, dass man eine Frage einwirft, um sie dann flugs zu beantworten. Was ist ein guter Mensch? „Das wusste schon Sokrates. Gut ist der Mensch, der lieber Unrecht erleidet, als selber Unrecht zuzufügen.“ Was ist das Kennzeichen der Moderne? „Die Idee der Freiheit. Der Grundsatz, dass alle Menschen frei geboren sind, ist das Prinzip, nach dem sich heute jede Ethik richten muss.“ Sie sagt auch erstaunliche Sätze wie „Kapitalismus existiert nicht“ oder „Kommunismus war immer passé“.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben