AhA : Warum haben Briefmarken Zacken?

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Philosophen lieben die Weisheit, Philharmoniker die Musik. Und Philatelisten? Der seltsamen Wortschöpfung zufolge, lieben sie die „Gebührenfreiheit“ (griech. ateleia), den Umstand, dass die Sendung im Vorab freigemacht, also frankiert wurde und nicht mehr, wie vor der Einführung der Briefmarke, vom Empfänger bezahlt werden muss. Kurzum: Sie lieben Briefmarken.

Auch ich bin heimlicher Philatelist. Meine Vorliebe für schöne Briefmarken macht sich bemerkbar, wenn ich angesichts der Warteschlange am Schalter Zuflucht zu einem modernen Automaten nehme. Die Maschine bedruckt Rollenmarken wunschgemäß mit einem 0,45er, 0,55er oder anderen Wertzeichen. Aber wie schlicht sind die Motive! Und die Marken sind nicht einmal gezackt!

„Das war auch früher so“, sagt Erwin Nier, Pressesprecher der Deutschen Post in München. „Die ersten Briefmarken hatten keine Zähnung.“ Als aufklebbare Postwertzeichen kamen sie 1840 in Großbritannien in Umlauf. Sie wurden auf großen Papierbögen gedruckt. „Jede Marke musste einzeln mit der Schere aus dem Bogen geschnitten werden.“ Da Schnittlinien fehlten, hatten manche Briefmarken breite Ränder, andere waren angeschnitten.

In Anbetracht des zeitaufwendigen Schneidens kam der britische Geschäftsmann Henry Archer auf den Gedanken, die Bögen mit einer Durchstichmaschine zu perforieren. Das Ergebnis blieb unbefriedigend, bis Archer die feinen Messer durch Lochstifte ersetzte. Im November 1848 meldete er eine Reihenzähnungsmaschine zum Patent an, die winzige Löcher aus den Bögen herausstanzte. Die so gezähnten Marken ließen sich schnell und sauber voneinander trennen.

In Deutschland folgte man dem Beispiel. „Die ersten gezähnten Briefmarken erschienen 1860 in Baden-Württemberg“, erzählt Nier. Heute sind 14 Zacken auf zwei Zentimetern Kantenlänge Standard. Das Format hat sich auch bei selbstklebenden Marken durchgesetzt.

Ungezähnte Marken von der Automatenrolle hingegen sind Ausdruck einer neuen Stufe der Reduzierung von Personalkosten und ein Einschnitt in eine Tradition. Bei Philatelisten sind sie bisher noch nicht sehr beliebt. Es sei denn, sie stammen von einem der ersten Berliner Klüssendorf-Automaten, zeigen eine alte Druckertype oder … Die Liebe der Philatelisten wächst mit der zeitlichen Distanz. Thomas de Padova

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