AhA : Warum haben wir einen Blinddarm?

Thomas de Padova

Fehlt Ihnen etwas? Vermutlich sind Sie eher überausgestattet. Es gibt Körperteile, die der Mensch eigentlich nicht braucht und die auf seine Evolution verweisen. Das Steißbein etwa gilt als verkümmerter Rest des Affenschwanzes. Müßig zu fragen, warum man es mit sich herumträgt. Ein Biologe würde eher fragen: Warum nicht? Ist es von Nachteil, am Ende der Wirbelsäule vier oder fünf verknöcherte, zurückgebildete Wirbel zu besitzen? Wohl kaum.

Von dem rund zehn Zentimeter langen Wurmfortsatz des Blinddarms denkt man gemeinhin ähnlich. Er wird als Rudiment der Evolution betrachtet, als nutzloses Anhängsel, das allenfalls Beschwerden verursacht. Bei Entzündungen wird er meist entfernt. Ein Routineeingriff.

Tatsächlich spielt der Wurmfortsatz für unsere Verdauung keine Rolle. Auch der Blinddarm selbst, das blind endende Anfangsstück des Dickdarms, ist für den Allesfresser Mensch weniger bedeutend als für Säugetiere, die sich rein pflanzliche ernähren. So haben Pferde einen riesigen Blinddarm, eine Gärkammer mit einem Fassungsvermögen von 30 Litern, in der die Nahrung aufbereitet wird.

Neben der Verdauung hat der Darm auch die Aufgabe, Krankheitserreger zu erkennen. Hauptakteure der Immunabwehr sind Lymphozyten, spezielle weiße Blutkörperchen, die im Knochenmark und in der Thymusdrüse reifen. Von dort aus begeben sich die Zellen auf die Suche nach Fremdkörpern und wandern zu den Lymphorganen, zu denen auch der Wurmfortsatz des Blinddarms gehört.

„Schneidet man ihn auf, findet man dort viele Lymphozyten“, sagt Reinhard Pabst vom Institut für Funktionelle und Angewandte Anatomie der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Blinddarm ist, ähnlich wie andere Teile des Darmtrakts, Bestandteil des Immunsystems. „Untersuchungen bei Menschen, denen der Wurmfortsatz entfernt wurde, haben bisher jedoch keine Hinweise auf nachteilige Auswirkungen geliefert.“

Der Wurmfortsatz scheint entbehrlich zu sein, aber nicht nutzlos. So gibt es unter anderem Anhaltspunkte dafür, dass er bei Durchfall ein Rückzugsgebiet für jene nützlichen Bakterien ist, die den Darm besiedeln. Thomas de Padova

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