AhA : Warum ist Badewasser am Bauch so kalt?

Thomas de Padova

Meine Begegnungen mit der „Generation bauchfrei“ sind nicht frei von Emotionen. Das eine Etage tiefer gerutschte Dekolleté löst gelegentlich Kälteschauer bei mir aus. Ich selbst habe in diesen Körperregionen wenig Rundliches zu bieten, nirgends Bauchspeck, der mich vor kühlen Luftzügen schützen würde. Manchmal friere ich vom bloßen Hingucken.

Zur Problemzone wird mein Bauch beim Baden. Der Einstieg ins kalte Wasser ist für den sonnenverwöhnten Halbitaliener eine Herausforderung. Bis zur Badehose steigt das Wasser noch rasch, in Höhe des Bauchnabels ist erst einmal Ebbe. „Arme und Beine haben eine andere Kältetoleranz als der Rumpf“, sagt Claus-Martin Muth, Oberarzt der Anästhesiologie an der Uniklinik Ulm und Spezialist für Tauchmedizin. „Unsere Gliedmaßen können den Wärmeverlust begrenzen, indem sie die Blutgefäße zusammenziehen.“ Im Rumpf aber sitzen Herz, Lunge, Nieren und all die Organe unseres Körpers, die auf eine konstante Kerntemperatur von 37 Grad Celsius angewiesen sind. Steigt oder sinkt diese Temperatur, laufen die biochemischen Prozesse aus dem Ruder. „Bei unterkühlten Patienten entgleist zum Beispiel die Blutzuckereinstellung.“ Fällt die Kerntemperatur auf 35 Grad, beginnen wir zu zittern, um zusätzliche Wärme zu erzeugen. Bei noch niedrigeren Werten erstarren wir, 30 Grad führen zur Bewusstlosigkeit.

Die Kältetoleranz sinkt daher in Bauchhöhe drastisch. Unsere Haut ist im Rumpfbereich pro Quadratzentimeter mit etwa doppelt so vielen Kälterezeptoren ausgestattet wie an den Oberschenkeln. Diese freien Nervenendigungen geben Warnsignale ans Hirn, wenn die Außentemperatur fällt.

Dem Bauch mit seiner großen Oberfläche entzieht kaltes Wasser noch mehr Wärme als Luft derselben Temperatur. Denn der Körper hat mit der Flüssigkeit einen wirksameren Kontakt. Bei starker Strömung transportiert das Wasser die Wärme rasch weg. Die Folge: Wir frieren mehr, ähnlich wie bei starkem Wind. Eine Speckschicht ist dann noch hilfreicher. Kleine, dicke Menschen kühlen nicht so schnell aus wie dünne, lange.

Taucher schützen sich durch einen Neoprenanzug vor Unterkühlung. An Armen und Beinen tragen sie eine einfache Schicht des isolierenden Gummimaterials, am Bauch wird doppelt gemoppelt. Wärmt besser. Thomas de Padova

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