AhA : Warum kippt der Kopf beim Nickerchen weg?

Thomas de Padova

Der Luxus, Mensch zu sein, beruht darauf, dass andere ständig für uns wachen. Ich genieße das. Während meine Frau am Steuer sitzt, fallen mir die Augenlider zu, der Atem wird so regelmäßig wie das Fahrgeräusch eines Schlafwagens.

Ein wenig verstörend ist nur, dass der Kopf ruckartig nach vorne fällt und ich noch zwei Mal kurz aufschrecke. Bei Zugreisen gehört daher ein aufblasbares Nackenkissen zu meiner Ausrüstung. Wäre ich in Japan aufgewachsen, hätte ich schon in der Schule „Inemuri“ gelernt: zu schlafen und anwesend zu sein. Früh üben Kinder dort das Nickerchen, das sie später minutengenau beim U-Bahn-Fahren oder bei Konferenzen einsetzen.

Der Kopf braucht dabei eine Ablage. Während wir wachen, halten ihn die Muskeln aufrecht, ohne dass wir es merken. Vier bis fünf Kilo muss die Halswirbelsäule tragen, die Nackenmuskulatur balanciert dieses Gewicht ständig aus.

Um sich jederzeit zusammenziehen zu können und die Haltung zu korrigieren, befinden sich die Muskeln in einer Grundspannung, dem Tonus. Ihre Kontraktionen setzen sich zu den Muskelspindeln hin fort, die kleinste Längenänderungen registrieren. Sensible Nerven leiten diese ans Rückenmark weiter, das die Ausgleichsbewegungen steuert. Wer den Kopf ständig weit nach vorne schiebt, hat eine hohe Spannung und mutet den Nackenmuskeln einiges zu.

Ein Nickerchen ist auch für sie eine Erholung. „Wenn wir einschlafen, entspannt unsere Haltemuskulatur“, sagt Jürgen Zulley, Schlafmediziner an der Uni Regensburg. „Deshalb können wir nicht im Stehen schlafen.“ Aber auch wenn wir sitzen, verliert der Kopf die Balance und knickt weg. Das schreckhafte Aufwachen ist wie ein Signal, dem Schlafbedürfnis nachzugeben und eine Ruheposition fürs müde Haupt zu finden.

Dass wir gelegentlich mit offenem Mund dösen, liegt daran, dass neben den Nackenmuskeln auch der Kieferschließer erschlafft. „Es empfiehlt sich, nicht nur den Kopf anzulehnen, sondern auch die Kinnlade hängen zu lassen“, rät Zulley. „Das gibt ein entspanntes Gefühl.“ Zehn Minuten bis ein halbes Stündchen reichen völlig aus. Aus dem Tiefschlaf dagegen kommt man nur schwer wieder auf die Beine. Thomas de Padova

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