AhA : Warum kratzt Wolle?

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Als Kind sei ich lammfromm gewesen, heißt es. Aber auch ich konnte aus der Haut fahren: Wenn man mich in einen rot-weiß melierten Schafwollpullover steckte, der sein Unwesen schon anderswo in der Verwandtschaft getrieben hatte. Am Hals war die grobe Wolle unerträglich. Ich schrie schon, wenn ich den Kratzpulli nur sah. Welches Schaf auch immer seine Wolle dafür gelassen hatte, alle Veredlungen der Merinozucht, die von nordafrikanischen Berbern an spanische und australische Bauern weitergereicht wurden, mussten spurlos an ihm vorbeigegangen sein. Noch heute kaufe ich Stehkragenhemden zur Bewältigung des Kindheitstraumas.

Das Wollkleid von Schafen kann gut und gerne vier Kilogramm wiegen. Die Hälfte dieses Gewichts geht auf Fett, Schweiß, Hautschuppen und Pflanzenreste zurück. Diese Verunreinigungen werden aus der Wolle herausgewaschen, die Fasern anschließend zu Kamm- und Streichgarn gesponnen.

Die einzelnen Wollfasern sind unterschiedlich dick, je nach den klimatischen Bedingungen, unter denen das Schaf groß geworden ist. Das Fell australischer Merinoschafe wächst langsam, ihre Wolle ist besonders fein. Bei gröberer Wolle ragen einzelne Fasern wie winzige Borsten aus dem Gewebe heraus und reizen die Haut.

Wie sehr Wolle kratzt, hängt von der Faserdicke und der Hautempfindlichkeit ab, die von Mensch zu Mensch variiert. Eine Wollunverträglichkeit gehe oft mit Hautkrankheiten oder Allergien einher, sagt Martin Schmelz, Schmerzforscher an der Uni Heidelberg. Juckreiz ist kein unterschwelliger Schmerz. Für den Juckreiz gibt es eigene Nervenfasern in der Haut. Dennoch hängen Juckreiz und Schmerz eng zusammen.

So lindert schmerzhaftes Kratzen den Juckreiz. Bekommen Patienten andersherum Opiate zur Unterdrückung der Schmerzen, könne dadurch Juckreiz ausgelöst werden, erläutert Schmelz. „Ähnlich wie beim Schmerz gibt es wohl eine Art Juckgedächtnis.“ Beim Juckreiz kratzen auch die Mediziner noch an der Oberfläche. Noch ergibt sich kein schlüssiges Bild. Gegen Kratzpullis helfen vorerst nur einsichtige Eltern.Thomas de Padova

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