AhA : Warum sieht der Stier nicht rot?

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So ein Stier mag eigentlich nicht vor großem Publikum kämpfen. Er muss permanent gereizt werden. Dazu gehört, dass der Matador permanent ein Tuch vor dem Stier hin und her bewegt. Im Schlussteil des Stierkampfs ist die Muleta traditionell rot, rot wie das Blut, das der Stier gesenkten Hauptes verliert, lange bevor ihn der finale Stoß in den Nacken ereilt.

Auf das Publikum hat das Rot des Tuchs eine Wirkung – auf den Stier nicht. Er erkennt die Farbe gar nicht als solche. Das hat er mit fast allen Säugetieren gemein. Sie verfügen über ein und dieselbe Grundausstattung für das Farbensehen.

„Fast alle Säugetiere haben zwei Zapfentypen“, sagt Leo Peichl vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Die beiden Typen unterscheiden sich hinsichtlich des Sehpigments (Opsin), das sie enthalten. „Es gibt blauempfindliches und grünempfindliches Opsin.“ Aus dem Vergleich der Signale dieser beiden Zapfentypen ermittelt das Hunde-, Katzen- oder Rinderhirn die jeweilige Farbe.

Lange dachte man, all diese Tiere nähmen überhaupt keine Farben wahr. Das Sehpigment lässt sich nämlich nur mit Methoden der Molekularbiologie und Genetik identifizieren. Peichl und andere Forscher haben nachgewiesen, dass die meisten Säugetiere Zapfen mit Blauopsin und Grünopsin besitzen. Nur in ganz seltenen Fällen ist einer dieser Typen im Laufe der Evolution verschwunden oder es hat sich ein Opsin-Gen verdoppelt.

So sind unsere Rotzapfen wie die aller Altweltprimaten aus einer Verdopplung des Grünopsin-Gens hervorgegangen. In der menschlichen Netzhaut sind daher drei Zapfentypen zu finden: Blau-, Grün- und Rotzapfen. Dank der drei Zapfentypen können wir in der Stierkampfarena ein reichhaltigeres Farbspektrum sehen als der Stier. Er unterscheidet nur zwischen eher bläulich und eher grünlich. Für ihn sind alle Farben im Bereich Grün-Gelb-Orange-Rot gleich. Rot ist für ihn also keine eigene Farbe, ein rotes Tuch erscheint dem Tier sogar dunkler als ein gelbes oder grünes. „Wenn man seine Zapfen richtig anregen will“, sagt Peichl, „wäre eine grüne Muleta besser.“ Thomas de Padova

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