AhA : Warum suhlt sich das Schwein?

Thomas de Padova

Bis vor kurzem machten wir uns wenig Gedanken über das Leid der Schweine. Mit der „armen Sau“ konnte jeder gemeint sein, nur kein Hausschwein. Erst die neue Form der Grippe hat uns einander näher gebracht.

Die 26 Millionen Schweine hierzulande leiden allerdings weniger unter Virusinfektionen als unter Homo sapiens. Von Natur her dazu bestimmt, als Nomaden umherzuziehen, den Boden nach Früchten oder Pilzen abzusuchen und sich im Schlamm zu suhlen, fristen sie ihr Dasein in Ställen, wo sie kiloweise Trockenfutter in sich hinein fressen. Gelegentliche Duschen sind mitunter die einzige Abwechslung im Stalltag.

Schweine brauchen Bäder. Vor allem, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. „Sie haben nämlich keine Schweißdrüsen“, sagt Steffen Hoy vom Institut für Tierzucht der Uni Gießen. Schwitzen wie die Schweine? „Unmöglich!“

Abgesehen von der Diffamierung des Schweins, bezeugen wir damit auch unsere Unkenntnis über die Vorzüge des Schwitzens. Schweiß kühlt den Körper ausgesprochen effektiv. Die Absonderung und Verdunstung von Flüssigkeit schützt uns vor Überhitzung und lässt uns zu Ausdauersportlern werden. Weder die nur kurzzeitig schnellen Geparden oder Löwen noch Hunde oder Schweine sind imstande zu schwitzen.

Das Schwein hechelt stattdessen. So wird es die überschüssige Wärme wenigstens über die Verdunstung an den Schleimhäuten los. „Oberhalb einer bestimmten Temperatur gehen Schweine dann in die Suhle“, sagt Hoy. Bei Hausschweinen liege die Schwelle bei etwa 18 Grad Celsius. Wird’s ihnen zu heiß, meiden Schweine den Körperkontakt zu ihren Artgenossen, während sie bei Kälte dicht zusammenrücken und kuscheln.

Eine Dusche im Stall hat einen ähnlichen Effekt wie das Wälzen im Schlamm. Wo sie per Knopfdruck von den Schweinen selbst ausgelöst werden kann, lernen diese rasch, sich das Stallleben vergnüglicher zu gestalten: Sie verbringen den halben Tag mit Duschen. Von wegen dummes Schwein!

Duschen, Hochdruckvernebelungsanlagen und Unterflurklimatisierung können die Suhle freilich nicht ersetzen. Die Sudelei dient nämlich auch der Abwehr von Läusen, Flöhen oder Milben. Ausgiebig wälzt sich ein Wildschwein im Schlamm und lässt ihn auf der Haut trocknen. An Baumstämmen und anderen Scheuerstellen schubbert es sich die Haut später ab. Und fühlt sich sauwohl dabei! Thomas de Padova

Die Aha-Kolumnen von Thomas de Padova gibt’s als Taschenbuch: „Wissenschaft im Strandkorb“, Piper-Verlag 2009, 160 Seiten, 7 Euro.

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