AhA : Warum verlieren Platanen ihre Borke?

Thomas de Padova

Bei Sonnenschein sitzt der Großstädter auf dem Balkon, freut sich an Basilikum- oder Rucola-Pflänzchen, die in den Töpfen sprießen, und genießt das mediterrane Lebensgefühl. Was aus ein paar Samen alles werden kann! Ach, und was erst auf einer Dachterrasse aus ihnen werden könnte, wo sie nicht bloß zwischen 14 Uhr 30 und 16 Uhr Sonnenlicht bekämen!

Das Leben ist ein Kampf ums Licht. Kaum hatten die ersten Pflanzen das Festland erobert, versuchten sie auch schon, sich gegenseitig zu überragen. Zunächst allerdings in bescheidenem Maße. Selbst moderne Vertreter wie Basilikum oder Rucola haben keine Chance, ihre Blätter in nennenswerte Höhen zu hieven. Ihre Stängel sind viel zu dünn.

Wer hoch hinaus will, muss breit aufgestellt sein. Als Urbäume wie Archaeopteris vor mehr als 360 Millionen Jahren erstmals bis zu 30 Meter hoch und Hunderte Jahre alt wurden, war ihnen dies nur durch ein besonderes Dickenwachstum möglich. Es hat seinen Ursprung in einer feinen Gewebeschicht zwischen Holz und Rinde, dem Kambium. Dort entstehen durch Zellteilungen immer neue Tochterzellen. Sie verwandeln sich in Holzzellen, wenn sie nach innen wandern, und zu Rinde, falls sie nach außen gelangen. Neben dieser sekundären Rinde bilden die meisten Bäume mit der Zeit eine weitere Außenhaut, die Borke, die sie vor Kälte und Austrocknung schützt.

„Ein Baum vergrößert seinen Holzkörper Jahr für Jahr“, sagt Harald Schill, Direktor des Forstbotanischen Gartens der Fachhochschule Eberswalde. „Er wächst in die Breite.“ Damit verschiebe sich das lebendige Kambiumgewebe nach außen und werde erweitert. Die Borke dagegen gerät zunehmend unter Spannung. Sie kann nicht so flexibel reagieren, sondern reißt auf. Der Mantel des Baums platzt aus den Nähten. Je nach Struktur der Borke ergibt sich ein charakteristisches Bild. Beim Kirschbaum verläuft die Wachstumsschicht unter der Borke streng zylinderförmig. Dementsprechend zeigen sich zuerst Querringe, wenn die Borke platzt.

Die schnell wachsende Platane hat keine Ringelborke, sondern Schuppen. Ihr Wachstumsgewebe ist bogenförmig angelegt. Infolgedessen bilden sich einzelne Sektoren, die Borke reißt nicht bloß, sondern löst sich in Platten ab. Daher sieht der beliebte und widerstandsfähige Großstadtbaum oft buntscheckig und gefleckt aus. Krank ist er deshalb nicht. Und die Häuser überragt er trotzdem.

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