AhA : Warum vertauscht ein Spiegel links und rechts?

Thomas de Padova

Wenn die Tage kürzer werden, verliert sich die Außenwelt schon am Nachmittag in der Dunkelheit, das Fenster vor meinem Schreibtisch verwandelt sich in einen Spiegel. Fensterglas ist nicht völlig transparent. Es wirft etwa acht Prozent des Lichts zurück. Das merkt man tagsüber nicht. Erst in der Dunkelheit wird die Reflexion sichtbar.

Die Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild hat etwas sehr Direktes. Ich betrachte mich nun selbst so von außen, wie andere mich wahrnehmen. Sehen und Erkennen führen zu einem Doppelspiel der Reflexion.

„Dadurch, dass ich mich selbst im Spiegel sehe, identifiziere ich mich stärker mit dem Spiegelbild und mache im Geist eine Pirouette um 180 Grad“, sagt Heiko Hecht, Leiter der Abteilung für experimentelle Psychologie an der Uni Mainz. „Das interpretieren wir dann als Vertauschung von rechts und links.“

Doch die Spiegelfläche wirft Licht lediglich zurück. Statt rechts und links vertauscht sie für den Betrachter hinten und vorne. Im spiegelnden Fenster sehe ich ein umgedrehtes Telefon und die Rückseite des Computerbildschirms. Zeige ich mit dem Arm nach vorne, zeigt das Spiegelbild in die umkehrte Richtung, zeige ich dagegen nach Westen, macht mein Spiegelbild dasselbe.

Anders ist es, wenn die Spiegelfläche parallel zum Boden verläuft. Eine Wasserfläche kann auch zum Spiegel werden. Auch sie reflektiert Lichtstrahlen und kehrt ihre Richtung um. Da die Spiegelfläche nun horizontal ausgerichtet ist, werden oben und unten vertauscht. Die gespiegelte Spitze eines Baumes liegt am Grund des Sees, der Baum scheint auf dem Kopf zu stehen.

Wie aber ist es mit der Spiegelung der Schrift? Wenn ich ein Blatt Papier beschreibe und es vor den Spiegel halte, werden dann nicht rechts und links vertauscht?

Das passiert nur, weil ich das Blatt zuvor umdrehe. Benutze ich dagegen eine transparente Folie, schreibe darauf „Jetzt nicht umdrehen!“ und halte sie hoch, kann ich die Zeile auch im Spiegel lesen.

Um eine Spiegelschrift wie die von Leonardo da Vinci zu entziffern, hält man einen Spiegel an die Längsseite des Blattes, sodass seine Außenkante zum Betrachter zeigt. So verwendet, vertauscht der Spiegel tatsächlich rechts und links. Im Hinblick auf die Spiegeloberfläche sind es wieder vorne und hinten. Thomas de Padova

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