AhA : Warum wachsen Kinder den Eltern über den Kopf?

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Die Deutschen sind wieder einmal größer und kräftiger geworden. In den zurückliegenden 15 Jahren haben deutsche Frauen im Mittel einen Zentimeter Länge und 4,3 Zentimeter Taillenumfang zugelegt. Bei den Männern fand die letzte Reihenmessung vor 30 Jahren statt, seither sind sie um durchschnittlich 3,2 Zentimeter gewachsen und messen 4,4 Zentimeter mehr in der Taille. Herr Mustermann kommt damit auf 1,79, seine Partnerin auf 1,66 Meter.

Dieser Trend hält bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts an – eine Folge veränderter Lebensbedingungen, wie Forscher vermuten. Die Körpergröße ist nur zum Teil ererbt, vielmehr hängt sie maßgeblich von Gesundheit und Ernährung ab. Wer in jungen Jahren genügend Mineralstoffe wie Calcium, ausreichend Proteine und Vitamine zu sich nimmt, hat gute Aussichten, den Eltern über den Kopf zu wachsen. „In Ländern mit hohem Milchkonsum sind die Menschen tendenziell größer“, sagt der Wirtschaftshistoriker Jörg Baten von der Universität Tübingen.

Am größten sind derzeit die Niederländer. Sie überragen die US-Amerikaner um sechs Zentimeter. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts sei dieses Verhältnis genau umgekehrt gewesen, erläutert Baten. Doch während das Pro-Kopf-Einkommen in den USA stieg und die Städte wuchsen, änderte sich auch die Einkommensverteilung. „Es gab immer mehr ärmere Bevölkerung in den großen Städten.“ Ihre schlechte medizinische Versorgung und mangelnde Absicherung wirkten sich negativ auf das Längenwachstum aus.

Inzwischen haben die Europäer die US-Amerikaner überholt, die Folgen des europäischen Wohlfahrtsstaates sind am Maßband ablesbar. Regionale Unterschiede bleiben. Baten und seine Kollegen haben 253 000 brandenburgische Kinder im Einschulungsalter gemessen und ihre sozialen Verhältnisse hinterfragt. Der Studie zufolge sind die Kinder von Arbeitslosen im Mittel ein bis zwei Zentimeter kleiner als ihre Spielkameraden aus besser gestellten Familien. Offenbar spiegeln die Körpermaße nicht nur unsere Gene, sondern auch den sozialen Status der Eltern wider. Thomas de Padova

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