AIDS : Anti-HIV-Gel könnte Männern den größeren Nutzen bringen

Mikrobizide, die Frauen helfen sollen, können Arzneimittelresistenzen fördern.

Heidi Ledford

Eine neue Generation mikrobizider Gele, die Frauen vor HIV schützen sollen, könnte letztlich Männer mehr schützen als Frauen, legen mathematische Modelle nahe.

Die Ergebnisse, die in Proceedings of the National Academy of Scienes USA (1) veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Entstehung arzneimittelresistenter HIV-Stämme bei Frauen die Übertragung von HIV von Frauen auf Männer reduzieren würde. In diesem Fall hätten Männer den größeren Nutzen, selbst wenn die Gele die Inzidenz für HIV allgemein senken würden.

Die Autoren fügen hinzu, dass laufende klinische Tests mit derartigen Gelen nicht darauf zugeschnitten sind aufzudecken, ob Arzneimittelresistenzen entstehen.

Solange kein Impfstoff vorliegt, halten viele mikrobizide Gele, die Frauen einmal täglich applizieren, für die beste Chance Frauen zu schützen, deren Partner sich weigern, Kondome zu benutzen. Diese Gele haben jedoch eine durchwachsene Geschichte. Frühe klinische Tests scheiterten und zwei infrage kommende Mikrobizide – Zellulosesulfat und Nonoxynol-9 könnten die Empfänglichkeit für das Virus letztlich erhöht haben (vgl. Anti-HIV-Gel versagt in Testreihe).

Die nächste Generation Mikrobizide, die getestet wird, enthält antiretovirale Wirkstoffe. Diese Medikamente werden auch von HIV-Infizierten in einem antiretroviralen Cocktail oral genommen. Die Verwendung mehrerer Medikamente reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus resistent gegen ein Arzneimittel wird. Die getesteten Gele enthalten jedoch nur einen antiretroviralen Wirkstoff, was Bedenken hervorruft, sie könnten Arzneimittelresistenzen befördern.

Risikoanalyse

Die Biomathematikerin Sally Blower von der University of California in Los Angeles und ihre Kollegen erstellten ein Modell zur Arzneimittelresistenz und HIV-Übertragung bei Frauen, die Mikrobizide verwenden. Die Modelle basieren auf Daten andauernder klinischer Tests eines Gels, das den antiretroviralen Wirkstoff Dapivirin enthält.

Die Wissenschaftler variierten diverse Parameter, darunter die Wahrscheinlichkeit, dass die Wirkstoffe des Gels ins Blut aufgenommen werden. Eine solche Absorption erhöht das Risiko von Resistenzen, da das Virus häufiger mit dem Wirkstoff in Kontakt kommt.

Die Modelle zeigen, dass die Gele ein starkes Werkzeug im Kampf gegen die Erkrankung sein können, wenn sie eine HIV-Infektion wirksam vermeiden. Wirken sie jedoch nicht gut und befördern Arzneimittelresistenzen, könnten Männer den größeren Nutzen aus mikrobiziden Gelen ziehen als Frauen.

Arzneimittelresistente Stämme sind in der Regel schwächer und weniger leicht übertragbar. „Da Frauen die Mikrobizide benutzen, ist es wahrscheinlicher, dass sie Arzneimittelresistenzen entwickeln“, erklärt der Co-Autor der Studie, David Wilson von der University of New South Wales in Sydney. „Die Inzidenz der Übertragung von Frauen auf Männer wäre also kleiner als von Männern auf Frauen.“

Die Ergebnisse sind ein Schlag gegen die Idee, dass es die Gele Frauen ermöglichen, sich selbst vor einer HIV-Infektion zu schützen, sagt Blower. „Aus meiner Sicht als Wissenschaftlerin und Feministin ist das ein bisschen unfair.“

Test auf Resistenzen

Bluttests von Teilnehmern an früheren Studien deuteten darauf hin, dass die im Gel enthaltenen Arzneimittel nicht ins Blut übergehen, was mit einem geringen Risiko, Resistenzen zu entwickeln einhergeht. Diese Studien waren jedoch nicht groß genug, um diese Möglichkeit definitiv auszutesten, sagt Wilson.

Das Design laufender Studien könnte ebenfalls verhindern, dass Wissenschaftler erfahren, ob die Gele Resistenzen verursachen. Studienteilnehmer werden monatlich auf eine HIV-Infektion getestet und aus der Studie ausgeschlossen, wenn der Test positiv ist. In diesem Setting ist der HI-Virus nicht lange genug dem Gel ausgesetzt, um Resistenzen zu entwickeln. Die Allgemeinbevölkerung wird jedoch nicht so häufig getestet und Frauen könnten das Gel möglicherweise lange Zeit weiterbenutzen, nachdem sie sich infiziert haben.

Dadurch entsteht eine Zwickmühle: Wissenschaftler sind ethisch verpflichtet, Studienteilnehmer auf HIV zu testen, doch die Tests könnten die drohende Arzneimittelresistenz verschleiern. „Bislang hat niemand herausgefunden, wie eine Studie zugeschnitten sein muss, um das Risiko von Resistenzen zu erfassen“, sagt Blower. „Dies ist ein großes Problem, von dem wir gezeigt haben, dass es gelöst werden muss.“

Mögliche Arzneimittelresistenz ist eine echte Gefahr, sagt HIV-Forscher Michael Lederman von der Case Western Reserve University in Cleveland. Er ist jedoch nicht überzeugt, dass Mikrobizide Männern besseren Schutz bieten als Frauen.

Blower und Wilson sind der Ansicht, dass die Entwicklung der Gele fortgesetzt werden sollte. „Mikrobizide sind zurzeit eine der großen Hoffnungen“, sagt Wilson. Und Blower stimmt zu: „Auch wenn es gute Gründe zur Vorsicht gibt, haben wir auch gezeigt, dass darin großes Potenzial liegt, HIV-Infektionen zu reduzieren.“

(1) Wilson, D. P. , Coplan, P. M. , Wainberg, M. A. , & Blower, S. M. Proc. Natl Acad. Sci. USA 105, 9835–9840 (2008).

Dieser Artikel wurde erstmals am 7.7.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.937. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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