Aids-Forschung : Tückische Schläfer

Bisher galt: Wer sich einmal mit dem Aidserreger HIV ansteckt, wird das Virus nicht mehr los. Ein Krebsmittel soll das nun ändern, hoffen Forscher.

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Im Visier der Forscher. Aidsviren unter dem Elektronenmikroskop.
Im Visier der Forscher. Aidsviren unter dem Elektronenmikroskop.Foto: picture-alliance / BSIP/CAVALLIN

Mit einer Kombination aus mindestens drei Medikamenten kann man das Aidsvirus HIV mittlerweile so gut kontrollieren, dass es kaum noch im Blut nachweisbar ist. Zellen, in denen sich das Virus vermehrt, können Medikamenten erreichen und behandeln. Doch nebenbei erschafft das Virus kleine Zeitbomben, gegen die Aids-Medikamente (antiretrovirale Therapie, ART) machtlos sind. HIV schreibt sein Erbgut nämlich auch in Zellen ein, in denen es sich nicht vermehrt, sondern in einen Winterschlaf fällt.

Diese „Schläfer“ bereiten Forschern seit Jahren Kopfzerbrechen. Medikamente können sie nicht aufspüren. Und wenn der Patient ART absetzt, legen sie ungestört los. Innerhalb weniger Tage produzieren die befallenen Zellen Millionen Viren. Deshalb gilt: Wer sich einmal mit HIV ansteckt, wird das Virus nicht mehr los. Die Patienten müssen lebenslang die Tabletten-Kombi schlucken.

Wissenschaftler wie Françoise Barré-Sinoussi, Präsidentin der Internationalen Aidsgesellschaft und Virologin am Institut Pasteur in Paris, stellten daher zum Auftakt des Welt-Aids-Konferenz in Washington eine Forschungsstrategie vor, die beinahe utopisch anmutet. Heilung solle wieder Ziel der Grundlagenforschung sein, meint sie. Ein zentraler Punkt auf ihrer Liste: Die tückischen Schläferzellen müssen enttarnt werden.

Genau das soll ein Wirkstoff schaffen, der bisher gegen einige Formen von Lymphknotenkrebs eingesetzt wird: Vorinostat. Wie Forscher um David Margolis von der Universität von North Carolina in Chapel Hill im Fachjournal „Nature“ schreiben, könnte das giftige Krebsmittel der erste Vertreter einer Wirkstoffklasse sein, die das Potenzial hat, HIV-Infektionen in Zukunft vollständig zu beseitigen. Auch wenn die Ergebnisse ihrer Studie noch bescheiden und höchstens ein erster Schritt in diese Richtung sind. Die Wissenschaftler von den Universitäten von North Carolina und Kalifornien, der Harvard School of Public Health, Merck und den amerikanischen Nationalen Instituten für Gesundheit haben 16 Patienten für ihre Experimente gewonnen, deren Kombinationstherapie so perfekt eingestellt war, dass die Viruslast in ihrem Blut sehr gering war.

Zuerst entnahmen sie ihnen weiße Blutkörperchen und reinigten diese, bis nur noch Gedächtnis-T-Zellen übrig blieben, die als Schläferzellen für das Virus dienten. Diese Schläferzellen wurden in der Petrischale mit Vorinostat behandelt. In den Zellen von elf Patienten sprang daraufhin die Virusproduktion an.

Acht von ihnen erklärten sich bereit, das Krebsmittel selbst zu nehmen – zunächst in einer geringen Dosis, um die Verträglichkeit zu testen und dann in einer höheren Dosis, um den Effekt auf die Schläfer unter den Immunzellen zu überprüfen. Das Ergebnis: Sechs Stunden nachdem sie eine hohe Dosis des Krebsmedikaments genommen hatten, war die Zahl der Abschriften des Virus-Erbguts in den Zellen durchschnittlich um das 4,8-Fache erhöht. Die Schläfer hatten ihre Tarnung verloren. Die Forscher hoffen, dass sie so auch wieder für Medikamente „sichtbar“ werden.

„Diese Arbeit beweist die Machbarkeit einer neuen Strategie, latente HIV-Infektionen anzugreifen und zu beseitigen“, jubelt Margolis. Und der Aidsforscher Stephen Deeks von der Universität von Kalifornien in San Francisco schreibt in einem Kommentar: „Die Wichtigkeit dieser Studie kann gar nicht überschätzt werden.“ Er vergleicht Vorinostat mit AZT, einem der ersten HIV-Mittel, das anfangs nicht besonders gut wirkte, aber den Weg für die heute so erfolgreiche ART wies.

Der Aidsforscher Oliver Keppler ist vorsichtiger. „Ein Wort wie Heilung kann man noch nicht in den Mund nehmen“, sagt der Virologe vom Uniklinikum Frankfurt. Für ihn sei es höchstens ein Lichtblick nach langen Zeiten der Resignation. Die Schläferzellen seien sehr wichtig. Doch es gebe sie nicht nur unter T-Zellen, sondern auch unter Fresszellen in unterschiedlichsten Geweben wie dem Magen-Darm-Trakt oder unter Gehirnzellen. Ob ein Wirkstoff wie Vorinostat diese Reservoire eliminieren hilft, sei unklar und praktisch nicht nachweisbar.

„Vorinostat hat HIV in den Schläfer-T-Zellen der Patienten nur ein bisschen wachgekitzelt, die Zellen aber nicht zerstört“, sagt er. Heilung könne es nur geben, wenn alle Reservoire im Körper beseitigt sind. „Außerdem sind das keine Lutschbonbons“, sagt Keppler. Unter den Nebenwirkungen sind Blutarmut und Lungenembolien. „Die Entscheidung, unseren besten Patienten solche Substanzen zu geben, müssen wir sehr sorgfältig abgewägen.“

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