AIDS : HIV-Zahlen nach unten korrigiert

UN senken ihre Schätzung der weltweiten Infektionen um 6 Millionen.

Emma Marris

Das Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben am 20. November neue Statistiken zur weltweiten Prävalenz von HIV und Aids veröffentlicht. Sie schätzen, dass 33,2 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert sind; 2006 lag die Schätzung bei 39,5 Millionen.
Dem Bericht zufolge ist der Rückgang um 16 Prozent auf bessere Daten und die verbesserte epidemiologische Interpretation dieser Daten, vor allem in Indien, zurückzuführen.
Diejenigen unter den AIDS-Forschern, die lange Zeit behauptet hatten, die Zahlen von UNAIDS seien zu hoch, halten die Revision für eine Verteidigungsstrategie. James Chin, Epidemiologe an der University of California Berkeley School of Public Health, hatte seit Jahren so argumentiert und angenommen, dass UNAIDS möglicherweise die Zahlen hoch hält, um den Eindruck einer eskalierenden Krise aufrechtzuerhalten. "Das Problem, das ich sehe, ist, dass sich UNAIDS selbst in die Enge gedrängt hat, indem sie den Zahlen keine eingehendere Beachtung schenkten, da sie ihnen gelegen kamen", sagt er. "Ihnen gefiel die Vorstellung, dass es sich immer weiter ausbreitete und drauf und dran war, auf die Allgemeinbevölkerung überzuspringen. Ich denke, letztlich konnten sie, nachdem die Zahlen dieser Studie bekannt wurden, nicht so weitermachen."
Geoffrey Garnett, Epidemiologe am Imperial College in London und in den vergangenen sieben Jahren an der Arbeit der UN zur Einschätzung der Prävalenz beteiligt, widerspricht. Auf die Frage, ob politische Ziele hinter den Zahlen standen, entgegnet er: "Keinesfalls. Ich denke, es hat eine echte Verbesserung bei unseren Schätzungen gegeben."
"Selbst mit den angeglichenen Zahlen ist das Ausmaß der Epidemie immer noch enorm; dazu mussten die UN die Raten nicht aufblasen", sagt Leontine Alkema, Statistikerin an der University of Washington in Seattle.

Klinik und Feld

Unterschiedliche Arten der Datenerhebung führen zu unterschiedlichen Ergebnissen für die HIV-Prävalenz. Im Allgemeinen ergeben teure, Populations-basierte Studien, bei denen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und getestet wird, exaktere und niedrigere Schätzungen der Infektionsrate. Die meisten Daten zur HIV-Prävalenz stammen jedoch aus so genannten "überwachten" Studien, bei denen Frauen, die in einer Geburtsklinik vorstellig werden, auf HIV getestet werden.
Die neue niedrigere Schätzung reflektiert die Zunahme Populations-basierter Studien und einen anderen Umgang mit überwachten Studien. In dem neuen Bericht werden die Ergebnisse überwachter Studien als zu hohe Schätzungen der Infektionsraten angenommen und mit 0,8 multipliziert, um einen realistischeren Wert zu erhalten.
"Der Unterschied zwischen den in Geburtskliniken durchgeführten Studien und Populations-basierten ist sehr viel größer als erwartet", sagt Alkema.
Die Schätzungen 2006 besagten, dass weltweit zwischen 34,1 und 47,1 Millionen Menschen infiziert waren; die neue Schätzung für 2007 geht von 30,6 bis 36,1 Millionen aus.

Längeres Leben

Darüber hinaus beinhaltete der Bericht eine Schätzung, wie lange eine unbehandelte Person nach der Infektion mit HIV leben wird. Bislang wurden hier neun Jahre genannt, nun jedoch werden elf Jahre angenommen (es sei denn, es ist ein Subtyp des Virus mit der Bezeichnung "E" dominant, dann gelten weiterhin neun Jahre). Neben den Schätzungen der Zahl infizierter Personen zu einer bestimmten Zeit reduziert diese längere Lebensspanne die geschätzte Zahl der jährlichen Neuinfektionen. Angepasste Schätzungen zeigen, dass die Zahl der Neuinfektionen in den späten 1990er Jahren ihren Höhepunkt mit mehr als 3 Millionen pro Jahr erreicht hatte und 2007 auf 2,5 Millionen gefallen ist.
"Wir haben eine sehr viel klarere Vorstellung von der Entwicklung der globalen HIV-Pandemie", sagt Garnett.
"Das bessere Wissen nützt auch bei Präventionsmaßnahmen", fügt er hinzu. "Wir wissen wesentlich besser, wo wir eingreifen müssen - besonders im Süden Afrikas und bei Hochrisikogruppen in Asien."

Grund zur Besorgnis

Garnett ist jedoch besorgt, dass die Öffentlichkeit die niedrigeren Schätzungen als Zeichen wertet, sich über die Epidemie nicht länger Sorgen machen zu müssen. Das ist ganz klar nicht richtig. Er fügt jedoch hinzu, dass die Infektionsraten tatsächlich zurückgegangen seien. "In manchen Fällen sehen wir einen Rückgang der Prävalenzraten aufgrund von Veränderungen im Verhalten", erklärt er.
Chin stimmt Garnett darin zu, dass HIV noch immer ein drängendes Problem ist, besonders in Afrika und Asien. Die neuen Zahlen bedeuten auch, dass eine größere, aber immer inakzeptabel niedrige Prozentzahl der Bevölkerung eine Therapie bekommt. "Wir haben noch weite Wege vor uns."

Dieser Artikel wurde erstmals am 21.11.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2007.275. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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