AIDS : Samen fördert die HIV-Übertragung

Fibrillen könnten größeren Einfluss auf die Übertragungsrate haben als das virale Potenzial.

Heidi Ledford

Eine Komponente, die in Samenflüssigkeit gefunden wurde, kann die HIV-Übertragung um das bis zu 100.000-fache steigern, haben Wissenschaftler herausgefunden. Sollten die Ergebnisse in klinischen Studien bestätigt werden, könnte sich ein neuer Weg eröffnen, die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen.

"Das ist enorm", sagt Christopher Pilcher, HIV-Forscher an der University of California in San Francisco, der nicht an der Studie beteiligt war. "Es wirft eine Menge grundlegender Fragen zur Übertagung von HIV auf."

Mehr als 80 Prozent der HIV-Infektionen werden durch Geschlechtsverkehr erworben, in erster Linie durch die Samenflüssigkeit HIV-positiver Männer. Pilcher sagt, dass sich Wissenschaftler mit der Rolle der Samenflüssigkeit bei der HIV-Übertragung beschäftigt haben, sich dabei jedoch auf die Menge und die Art des enthaltenen HI-Virus konzentrierten. "Wir haben uns alles angeschaut, außer den Samen selbst" sagt er.

Nun haben Wissenschaftler entdeckt, dass zu langen Fasern gebündelte Peptide möglicherweise eine größere Rolle bei der HIV-Übertragung spielen als das virale Potenzial. "Wenn das stimmt, haben wir uns lange Zeit auf die falschen Dinge konzentriert", meint Pilcher.

Infektionswege

Die Fasern sind der letzte Punkt auf einer wachsenden List von Dingen, die der Körper produziert und die eine HIV-Infektion beeinflussen. Anfang des Jahres berichteten Frank Kirchhoff von der Universität Ulm und Wolf-Georg Forssmann von IPF PharmaCeuticals in Hannover zusammen mit ihren Kollegen über die Isolierung eines Peptids, welches das Eindringen des Virus in die Zelle hemmt.

Nun verfolgten Kirchhoff und Forssmann denselben Ansatz, indem sie Samenflüssigkeit verwendeten. Sie sammelten Peptide und kleine Proteine aus Samenflüssigkeit und untersuchten die Komponenten in Zellkultur, um ihren Effekt auf HIV-Infektionen aufzudecken.

Sie entdeckten, dass Fragmente eines Proteins mit der Bezeichnung Prostata-Phosphatase die HIV-Übertragung verstärken. Die Peptide waren am aktivsten, wenn sie sich zusammenballten und Fasern, so genannte amyloide Fibrillen, bildeten.

In Abhängigkeit von der verwendeten Laboranalyse verstärkten die Fibrillen die HIV-Übertragung mindestens um das 30-fache und bis zum 400.000-Fachen. Die Ergebnisse wurden diese Woche in Cell (1) veröffentlicht. Die Wissenschaftler testeten die Fasern ebenfalls in Ratten, die empfänglich für die HIV-Infektion gemacht worden waren. Ratten, denen sowohl die Fasern wie das Virus injiziert worden war, wiesen 5-mal soviel virale DNA im Blut auf wie Ratten, denen nur das Virus injiziert worden war.

Fruchtbare Fasern

Viele menschliche Proteine können amyloide Fibrillen ausbilden, die dann mit diversen Erkrankungen, darunter Alzheimer, Parkinson und Diabetes, assoziiert sind. Bei keiner hat sich jedoch bislang gezeigt, dass sie die Virus-Übertragung beeinflusst, sagt Per Westermark, der an der Universität Uppsala über diese Fibrillen arbeitet.

Die Wissenschaftler entdeckten, dass die Fasern das Virus im Wortsinne einfangen und HIV in Kulturen dabei helfen, mit den Zellen zu interagieren. Das legt nahe, dass Medikamente, die verhindern, dass HIV an diese Fasern bindet, die Ausbreitung des Virus hemmen könnten, sagt Westermark.

Robin Shattock, HIV-Forscher an der St-George's University of London, der ebenfalls die HIV-Übertragung untersucht, sagt, dass die Resultate viel versprechend seien, warnt jedoch davor, zu viel in sie hineinzulesen, solange keine zusätzlichen klinischen Studien vorliegen.

"Die letztgültigen Experimente sind noch nicht durchgeführt worden", sagt Shattock. Er argumentiert, dass die Peptidfibrillen an Primaten getestet werden müssen, indem man das Virus mit und ohne Samenflüssigkeit auf Schleimhäute aufbringt. Unterdessen schätzt Pilcher, dass klinische Studien am Menschen die Beziehung zwischen den Peptidfibrillen und der HIV-Übertragung binnen der kommenden fünf Jahre darlegen müssten.

(1) Münch, J. et al. Cell 131, 1059-1071 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 13.12.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2007.373. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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