AIDS : UNAIDS-Direktor reicht die Fackel weiter

Anlässlich des Welt-AIDS-Tages bewertete Peter Piot die Entwicklung der Krankheit.

Erika Check Hayden

Der diesjährige Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember war der letzte von Peter Piot als Direktor des Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS), das er seit der Gründung vor 13 Jahren leitet. Piot wird UNAIDS am Jahresende verlassen und seine wissenschaftliche Laufbahn am Imperial College London fortsetzen. Sein Nachfolger soll in Kürze ernannt werden. Nature News sprach mit Piot über Vergangenheit und Zukunft der AIDS-Epidemie.
Wie hat sich UNAIDS seit seiner Gründung verändert?
Als wir am 1. Januar 1996 unsere Türen öffneten, gab es keine effektive Behandlungsmöglichkeit. Diese Behandlungsmöglichkeit [antiretrovirale Medikamente] wurde jedoch sechs Monate später auf der Internationalen AIDS-Konferenz in Vancouver vorgestellt und das hat unsere Sichtweise auf die AIDS-Epidemie revolutioniert. Als wir begannen, wurden in Entwicklungsländern 250 Millionen US-Dollar für AIDS ausgegeben und es bestand kein politisches Interesse an der Erkrankung. Heute sind es etwa 10 Billionen US-Dollar und es gibt wesentlich mehr Akteure, daher ist das Umfeld ein vollkommen anderes. Unser vorrangiges Ziel ist es sicher zu stellen, dass das Geld etwas bewirkt.
Ist die Epidemie auf eine Art vorangeschritten, die sie nicht erwartet hatten?
Die Epidemie ist wesentlich größer als damals. Und sie hat sich massiv in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ausgebreitet – das hatten wir nicht erwartet. Eine Lektion, die ich gelernt habe, lautet, dass wir immer wieder überrascht waren, wenn es um AIDS ging.
Was sind heute die Lichtblicke im Kampf gegen AIDS?
Beinahe 4 Millionen Menschen erhalten eine antiretrovirale Therapie. Das Problem ist nicht gelöst, aber das ist etwas, das wir nicht für möglich gehalten haben. 2001 hatten wir eine eigene Sitzung in der Vollversammlung [der Vereinten Nationen] und es gab keine Einigkeit über den Zugang zu antiretroviraler Therapie in den Entwicklungsländern. Alle Geberländer waren dagegen, außer Frankreich, ebenso wie alle afrikanischen Regierungen, alle asiatischen Regierungen und alle europäischen Regierungen. Die Leute sagten: „Die Medikamente sind zu teuer, die Gesundheitssysteme funktionieren nicht.“
Aber die Preise für die Medikamente sanken. Und das Gesundheitswesen funktioniert in vielen Ländern immer noch nicht, aber wenn wir darauf gewartet hätten, wären viele der Menschen, die gegen AIDS behandelt werden, heute tot.
Welche großen Herausforderungen bleiben?
Wir haben immer noch hyperendemische Regionen, wie das südliche Afrika, wo 20–30% der Bevölkerung HIV-positiv ist. Eine große Frage ist zweitens, wie es mit der Epidemie in Osteuropa und Asien weitergeht. Bleibt sie auf diejenigen mit einem hohen Risiko konzentriert? In Thailand stellen bereits Hausfrauen, die von ihren Ehemännern infiziert werden, die größte Gruppe der Neuinfizierten. Und die Länder, die anfangs unter den erfolgreichsten in ihrer Reaktion auf AIDS waren, waren Uganda und Thailand und in beiden Fällen verzeichnen wir einen Anstieg der Neuinfektionen, ebenso wie unter den Homosexuellen in Westeuropa. Es ist also nie zu Ende.
Wie optimistisch sind Sie, dass die politischen Hürden bei der AIDS-Prävention überwunden werden können?
Das lässt sich kaum vorhersagen. Nehmen wir China – dort gab es wichtige politische Entscheidungen, um Drogenkonsumenten zu helfen und Spritzbestecke auszutauschen. Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass China für Methadon und den Austausch von Spritzbestecken eintreten würde? Es zeigt, dass eine Veränderung der Politik möglich ist. Was bleibt, sind die tief verwurzelten Themen rund um Stigmata, Homophobie und Sex. Das ist entmutigend.
Werden wir sehen, dass Entwicklungsländer mehr Kontrolle über die Epidemie übernehmen?
Das wäre eine gute Sache. Russland beginnt bereits damit, das Geld, das es erhalten hat, zurückzuzahlen. Wir werden sehen, ob sie das angesichts der Finanzkrise weiterhin können. Auf der Gegenseite sind wir ziemlich sicher, dass Russland Anstrengungen unternehmen könnte, die mehr auf wissenschaftlicher Evidenz basieren, zum Beispiel hinsichtlich der HIV-Prävention bei Drogenkonsumenten. Eine Substitutionstherapie mit Methadon ist dort immer noch nicht möglich.
Aber China macht seine Sache gut und in Indien gibt es gute Ergebnisse in den südlichen Provinzen. Südafrika ist ein weiteres Beispiel. Unter dem neuen Präsidenten und Gesundheitsminister wird AIDS wesentlich ernster genommen und ich reise nach Südafrika, um diese neue Offenheit zu unterstützen.
Worauf sind Sie am meisten stolz?
AIDS in vielen Ländern der Welt ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt zu haben, wesentlich niedrigere Preise für antiretrovirale Medikamente erreicht zu haben und die Menschen, die am meisten betroffen und besorgt sind, an einen Tisch gebracht zu haben, diejenigen, die mit HIV leben, schwule Männer und Prostituierte. Und wir waren immer in der Lage, aufgrund wissenschaftlicher Evidenz zu arbeiten zusammen mit der Achtung der Menschenrechte. Darauf bin ich stolz.
Nachtrag: Der derzeitige stellvertretende Leiter des Programms, Michel Sidibé, wurde als neuer UNAIDS-Direktor ernannt.

Dieser Artikel wurde erstmals am 1.12.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.1267. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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