Wissen : Allergische Reaktion Forscher kritisieren Konzept für Humboldt-Forum

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Ein „dritter Ort“ soll das Humboldt-Forum werden. Nicht Ost, nicht West, nicht Berlin, nicht Deutschland. Sondern ein Ort „für die Kulturen der Welt, an dem sie Fragen und Probleme einer zusammenrückenden Welt souverän miteinander verhandeln können“, wie es in einem Text der Stiftung Zukunft Berlin heißt. Das mag verheißungsvoll klingen für die Ohren der Berliner Gesellschaft: Im wieder aufgebauten Hohenzollernschloss inmitten der deutschen Hauptstadt, von der im 20. Jahrhundert so viel Schrecken ausging, ein offenes Forum für die Völker der Welt zu schaffen. Doch Wissenschaftler haben Bedenken, die sich auch gegen das Gesamtkonzept für die völkerkundlichen Sammlungen richten, die 2017 aus Dahlem ins Schloss umziehen sollen.

Einen dritten Ort kann es nicht geben, sagte Gudrun Krämer, Islamwissenschaftlerin an der Freien Universität, jetzt bei einer Diskussion über „Erwartungen an das Humboldt-Forum“. Kommt ein chinesischer Künstler, ist es für ihn nicht der Mars, sondern Berlin, der Westen. Auch der Kulturen-Begriff sei problematisch, verstünden sich doch Kreative als Individuen, nicht als Vertreter einer Kultur. Allergisch reagieren könnten sie auf den hohen gesellschaftlichen Nutzen, der von ihnen erwartet werde.

Doch Volker Hassemer, Vorsitzender der Stiftung Zukunft, und den dort ebenfalls engagierten Fernsehjournalisten Jürgen Engert ficht das nicht an. In der Temporären Kunsthalle nehmen sie Krämer und auch FU-Politikwissenschaftler Thomas Risse in die Zange. Warum so wenig von der Wissenschaft zu hören sei, wo die Ideen blieben, wie das Forum bespielt werden könne. Risse pariert, es sei zu fürchten, „dass das Humboldt-Forum Bestandteil der Berliner Eventkultur wird“. Berlin brauche einen „Ort des systematischen Nachdenkens über den Tag hinaus“.

Nachdenken worüber? Unter dem Druck der Moderatoren nennt Risse die Demokratieförderung, die der Westen Afghanistan angedeihen lässt. Risse erforscht, wie „Governance“ funktioniert, und kann sich vorstellen, öffentlich mit Kollegen, Journalisten und Künstlern aus der Region zu diskutieren, ob es moralisch gerechtfertigt ist, „mit unseren Normen in eine Gesellschaft einzudringen“.

Wie auch Krämer bekennt Risse indes, sich erst anlässlich der Podiumsdiskussion mit dem Humboldt-Forum beschäftigt zu haben. Die Islamwissenschaftlerin beruft sich auf überbordende Verpflichtungen einer Hochschullehrerin, die Großprojekte aus der Exzellenzinitiative betreut und ständig öffentlich den Islam erklärt. Gezeigt hat dieser Abend, was das Humboldt-Forum auf keinen Fall werden darf: eine öffentliche Verhandlung unausgegorener Fragen, die mit großem Pathos vorgetragen werden. Amory Burchard

Weitere Termine im Internet:

www.stiftungzukunftberlin.eu

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