Alltagswissen : Warum haben wir morgens "Sand" im Auge?

Das morgendliche Augenreiben kennt jeder. Danach gefragt, fällt einem meist nur das Sandmännchen ein. Was wirklich dahinter steckt.

Thomas de Padova

Ich weiß schon, worauf das alles hinauslaufen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe Spiel. Zuerst leisten die Augen noch einen gewissen Widerstand gegen das lästige Glitzern des Tages. Irgendwann sitze ich dann apathisch auf der Bettkante und reibe mir den Schlaf aus dem Augenwinkel: einen weißlichen „Sand“, der sich zwischen den Fingerkuppen rasch in Nichts auflöst, als hätte es die nächtliche Abwehrschlacht unterm Lid nie gegeben.

Zehn- bis zwölfmal pro Minute wischen die Lider tagsüber über die Hornhaut. Mit jedem Lidschlag verteilt sich ein hauchdünner Tränenfilm auf unserem Sichtfenster. Die Hornhaut mag es feucht. In der Regel blinzeln wir etwa doppelt so oft wie nötig. Starrt man dagegen zu lange auf einen Computerbildschirm, verringert sich der Lidschlag. Da nun die Tränenflüssigkeit ungehindert verdunstet, kann der schützende Tränenfilm stellenweise aufreißen. Die Lider fahren dann über trockene Abschnitte der Hornhaut, die Nerven auf der Augenoberfläche werden gereizt.

Nachts, wenn uns die Augen zufallen, sinkt die Produktion der Tränenflüssigkeit. Hinter geschlossenen Lidern verdunstet sie nämlich nicht mehr. Es entsteht eine feuchte, warme Kammer.

„Für Bakterien ist das sehr angenehm“, sagt Erich Knop, Leiter des Forschungslabors der Uni-Augenklinik am Berliner Virchow-Klinikum. „In dem Tränensee finden sie viel zu fressen und vermehren sich ungehemmt.“

Auch tagsüber sind diese mehrheitlich harmlosen Bakterien aktiv. Als nützliche Besiedler des Auges halten sie das Immunsystem in Gang und nehmen anderen, gefährlicheren Mikroorganismen die Nahrung weg. Nachts können sie allerdings überhandnehmen. Damit wir nicht jeden Morgen mit einer bakteriellen Infektion und roten Augen aufwachen, müsse die Immunabwehr intakt bleiben, so Knop. „Obwohl also der wässrige Anteil der Tränen abnimmt, bleibt die Menge der funktionellen Inhaltsstoffe wie Salze und Proteine, vor allem Immunglobulin A, auch über Nacht gleich.“

Im Abwehrkampf gegen die Bakterien kommt auch unsere Körperpolizei zum Einsatz: weiße Blutkörperchen, die Bakterien fressen, dabei aber selbst zugrunde gehen. Ihre Zelltrümmer bilden zusammen mit zahlreichen Proteinen einen feinen, weißen Grieß. Findet man ihn am Morgen im Augenwinkel, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich über Nacht viele „Sandmännchen“ für uns verausgabt haben. Thomas de Padova

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