Alltagswissen : Warum wartet der Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr?

Wartezeit wird oft als unausgefüllte Zeit empfunden. Umso befremdlicher, wenn der Zeiger selbst in Wartestellung geht.

Thomas de Padova

Irgendwann sucht der Blick eine der Uhren entlang dem Bahnsteig. Die Reisenden schauen zu dem Ziffernblatt hinauf, als hätten sie keine Zeit zu vergeuden und wollten die verbleibenden zwei, drei Minuten noch für irgendetwas nutzen: eine SMS, die Zeitungslektüre.

Wartezeit wird oft als unausgefüllte Zeit empfunden. Umso befremdlicher, wenn der Zeiger selbst in Wartestellung geht: Bei jeder Bahnhofsuhr läuft der rote Sekundenzeiger vor bis zur Zwölf. Dann bleibt er stehen. Zwei Sekunden lang. Endlich springt der Minutenzeiger weiter, und auch der Rote tickt wieder.

Uhrzeit fließt nicht. Sie wird in Einheiten zerlegt, ob durch mechanische Hemmungen oder die Sprünge von Elektronen von einem Energieniveau zum nächsten. Bei der Atomuhr werden solche Sprünge durch Mikrowellen provoziert. Dann misst man die Frequenz der Welle, die Zahl ihrer Schwingungen pro Sekunde.

Die Deutsche Bahn nimmt es mit der Zeit sehr genau und besorgt sie sich bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), die ihre kodierten Zeitzeichen via Langwellensender von Mainflingen aus im Dauerbetrieb verbreitet. „Jede Funkuhr in Deutschland empfängt dieses Signal“, sagt Andreas Bauch, Leiter der Arbeitsgruppe „Zeitübertragung“ der PTB. Die Funkuhr nimmt das Zeittelegramm auf und bleibt auf dem Laufenden. Es sei denn, die Übertragung wird durch elektrische Felder gestört, etwa von einem Fernseher oder einer Elektrolok.

Ein Bahngleis ist kein guter Standort für eine Funkuhr. Deshalb gibt es an Bahnhöfen meist nur ein Empfangsgerät an geeignetem Platz, die anderen Uhren erhalten ihren Impuls einmal pro Minute per Kabel von der Mutteruhr. „Man lässt ihren Sekundenzeiger etwas schneller laufen, um sicher zu sein, dass er die Zwölf schon erreicht hat, wenn der Minutenimpuls ankommt.“ Die Wartestellung erhöht auch die Aufmerksamkeit für den Sprung des Minutenzeigers und die fahrplanmäßige Abfahrt. Der Zug darf nicht zu früh losfahren. Unsereins erinnert die Bahnhofsuhr daran, wie schwer Zeit zu fassen ist.

Man hat es stets mit mehreren Uhren zu tun: der Armband- oder Funkuhr, die schon mal aus dem Takt kommt, der Atomuhr, die die Weltzeit bestimmt, und der Himmelsuhr. Die geht wegen der unregelmäßigen Erdbewegung zwar nicht so genau, gibt aber den eigentlichen Rhythmus vor, die Zeit an sich.

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