Alte Studiengänge : Die Uhr tickt fürs Diplom

Noch sind viele Studierende für die alten Abschlüsse eingeschrieben. Die Hochschulen setzten sie jetzt zunehmend unter Druck.

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Sie werden häufig als Dinosaurier bezeichnet – Studierende, die noch in einem Diplom- oder Magister-Studiengang eingeschrieben sind. Doch im Gegensatz zu den Dinos, die von einem Meteoriten vergleichsweise plötzlich dahingerafft wurden, konnten sich die Altstudenten seit der Unterzeichnung des Bologna-Vertrages 1999 auf ihren baldigen Abschied vorbereiten.

Trotzdem gab es für 32 von ihnen jetzt ein Ende mit Schrecken, im August zeigte sich die Universität Köln unerbittlich: Exmatrikulation. Die meisten der Aussortierten hätten auch nach einer stattlichen Anzahl von 15 oder mehr Semestern noch keine Zwischenprüfungen abgelegt und Beratungsangebote ausgeschlagen, sagt die Uni. Einen „technokratischen Umgang mit menschlichen Schicksalen“ moniert dagegen der Kölner Asta. Härtefälle seien nicht hinreichend berücksichtigt worden. Die Studierendenvertreter wollen gegen den Rausschmiss ihrer Kommilitonen vorgehen, Aktivisten mobilisieren im Netz unter exmatrikulation.blogsport.de.

Wird das Kölner Beispiel Schule machen? Immerhin 47 Prozent aller Studierenden sind laut Hochschulrektorenkonferenz noch in alten Studiengängen eingeschrieben. Auch wenn viele das von Bologna weniger betroffene Staatsexamen anstreben oder kurz vor dem Abschluss stehen, wodurch die Statistik in diesem Fall konfliktträchtiger aussieht als die Realität.

Die Hochschulen Berlins haben die Umstellung auf die neuen Abschlüsse im Vergleich zu anderen Bundesländern schnell gemeistert. Nur Hamburg und Niedersachsen bieten gemessen am gesamten Angebot einen noch höheren Prozentsatz an Bachelor- und Masterstudiengängen an. Von den 852 in Berlin existierenden Studiengängen sind nur noch in 26 alte Abschlüsse möglich.

Doch auch in der bei Studierenden sehr beliebten Hauptstadt werden die Zügel angezogen. „Seit dem Zulassungsverfahren zum kommenden Wintersemester 2011/12 können unsere Diplomstudierenden erstmals in den passenden Bachelorstudiengang wechseln“, sagt Stefanie Terp, Pressesprecherin der Technischen Universität. Mit 989 Studierenden in Magister- und 7490 in Diplomstudiengängen weist die TU die größte Anzahl von Altstudenten aller Berliner Hochschulen auf. Auch wenn die Betonung noch auf „wechseln können“ liegt, dürfte der tatsächliche Druck steigen. Langzeitstudenten können durch den Wechsel schneller fertig werden – allerdings haben sie dann auch einen niedrigeren Abschluss.

„Die Fristen für eine Beendigung des Studiums sind in aller Regel sehr großzügig“, sagt Susanne Schilden von der Hochschulrektorenkonferenz. Dass jemand von seinem Ausschluss überrascht wird, hält sie für „ausgeschlossen“. Die Grundproblematik sei, dass die Hochschulen „für wenige Studierende einen ganzen Studiengang am Leben erhalten müssen“.

Der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, urteilt hart über Magister- und Diplomstudenten weit jenseits der Regelstudienzeit. Bezogen auf den Kölner Fall sagte er: „Studieren zu dürfen, ist ein Privileg auf Zeit. Wer einen Studienplatz blockiert, um sich mit Gleichgesinnten in muffigen Gremien zu treffen oder einfach nur billig Bus fahren zu können, der muss damit rechnen, dieses Privileg zu verlieren.“ Vor allem wegen des doppelten Abiturjahrgangs und der Aussetzung der Wehrpflicht müssten die Unis Plätze für die Nachrückenden schaffen.

An der Freien Universität sind im Sommersemester 2011 noch rund 4200 Studierende mit dem Abschlussziel Diplom oder Magister eingeschrieben. Im Wintersemester 2009/10 ist mit der Biochemie der letzte Studiengang an der FU auf Bachelor umgestellt worden. „Aufgrund eines auslaufenden Studienganges schmeißen wir niemanden raus“, sagt Goran Krstin, Sprecher der FU. Hat jemand seine Regelstudienzeit um mehr als zwei Semester überschritten, muss er zum Beratungsgespräch. Gemeinsam mit einem Studienberater, meistens ein Professor, soll der schnelle Abschluss geplant werden, erst dann kann sich der Studierende rückmelden. Geht es anschließend trotzdem nicht vorwärts, sei eine Exmatrikulation möglich, sagt Krstin. Bislang gebe es aber keinen solchen Fall.

Nicht anders ist die Situation an der Humboldt-Universität. Auch die gut 2500 Studierenden in den alten Studiengängen müssen noch keinen Rausschmiss befürchten – die Teilnahme an Beratungen aber ist für alle, die länger brauchen, verpflichtend. „Wir können, wie die anderen Unis auch, einen letzten möglichen Prüfungstermin bestimmen“, sagt Steffan Baron, Leiter der Studienabteilung an der HU. Bis zum Wintersemester 2008 gab es noch die Möglichkeit, sich für ein Diplom-Studium einzuschreiben.

„Es sind Bestrebungen erkennbar, die Altstudenten anzutreiben“, sagt Tobias Roßmann, Mitglied des Akademischen Senats an der HU und selbst noch Magister-Student. So sei der Studiengang Sozialwissenschaften mit dem Hinweis, man wolle „Ordnung schaffen“, abgewickelt worden. „Von den damals 450 Studierenden ergeben sich gerade einmal für sechs Probleme, weil sie sich trotz zahlreicher Kontaktversuche nicht gemeldet haben“, entgegnet Baron. Im schlimmsten Fall müssten sie sich mit dem niedrigeren Abschluss Bachelor begnügen. In den Hochschulverträgen mit dem Land Berlin ist das Jahr 2013 als Zäsur für die alten Abschlüsse festgeschrieben. Zahlreiche Ausnahmen geben den Hochschulen allerdings weitgehend freie Hand. Einheitliche Regelungen wird es nicht geben, vielmehr wollen alle Hochschulen für jeden Studiengang passende Lösungen finden.

Vielleicht wird aber auch der Kölner Fall noch bundesweit relevant. Mehrere junge und nicht mehr ganz so junge Menschen klagen gegen ihre ehemalige Universität, weil sie nicht als Härtefälle anerkannt wurden – sie wollen wieder rein. Käme es zu einem Präzedenzurteil, könnten Langzeitstudierende wieder etwas freier atmen.

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