Altersdemenz : Forschen gegen das Vergessen

Immer mehr Deutsche erkranken an Demenzen. Die Krankheit wird in der Gesellschaft noch immer nicht als wirkliches Problem wahrgenommen. Ein nationales Forschungszentrum soll helfen.

Adelheid Müller-Lissner
Demenz
Nicht wiederzuerkennen. Demenz-Kranke vergessen im schlimmsten Fall sogar ihren eigenen Namen. -Foto: pa/dpa

Es sind Krankheiten, an die man nicht gern erinnert wird. Denn wir könnten sie alle einmal bekommen. „Demenzen treten im Alter auf, vielleicht führen wir auch deshalb die Altersdebatte so glücklos“, meint Adelheid Kuhlmey vom Institut für Medizinische Soziologie der Charité Berlin. „Das Thema Demenz ist noch nicht in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen“, kritisiert auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Eine Woche nachdem sich in Berlin Tausende von Neurologen bei ihrem Jahreskongress intensiv über Alzheimer und andere Formen der Demenz fachlich ausgetauscht hatten, nahmen die Gesundheitsministerin und ihre Kollegin, Forschungsministerin Annette Schavan, am vergangenen Freitag den Welt-Alzheimer-Tag zum Anlass, um einen anspruchsvollen Plan zur Förderung der Demenzforschung in Deutschland vorzustellen. Das Heimatland des Neurologen Alois Alzheimer, der die Krankheit vor mehr als 100 Jahren eindrucksvoll beschrieb, soll damit international an die Spitze der Demenz-Forschung geführt werden.

Schon heute habe man exzellente Forschung an mehreren Standorten, die jedoch gebündelt werden müsse, sagte Annette Schavan während eines Symposiums, das sie zusammen mit ihrer Kollegin ausgerichtet hatte. Ein Nationales Forschungszentrum für die Bekämpfung von Demenzen wird nach den Worten der Ministerin Ende 2008 seine Arbeit aufnehmen. Die Bundesregierung hat dafür bei ihrem Treffen in Meseberg bis zu 60 Millionen Euro zusätzlich bewilligt.

Kooperationen mit den europäischen Nachbarn

Inzwischen läuft die Ausschreibung für ein Kernzentrum, das ähnlich strukturiert sein soll wie das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Ob man dafür am gewählten Standort einen Neubau errichten werde oder vorhandene Gebäude sanieren könne, sei noch nicht klar, sagte die Ministerin. Ende November dürfte sich entscheiden, wo das Kernzentrum angesiedelt sein soll. „Zusätzlich sollen zehn Forschungseinrichtungen als Satelliten fungieren“, erklärte Schavan. Das ganze Projekt soll in die Helmholtz-Gemeinschaft eingebunden werden. Die Ministerin könnte sich zudem vorstellen, dass Forschungseinrichtungen aus europäischen Nachbarländern Interesse an Kooperationen haben. „Die französische Regierung hat die Demenzen ja gleich zu Beginn ebenfalls zum Schwerpunkt erklärt.“

Das staatliche Engagement gilt Krankheiten, von denen bis zum Jahr 2020 allein in Westeuropa an die sieben Millionen Menschen betroffen sein werden. Diese Krankheiten erscheinen uns heute noch weitgehend schicksalhaft, denn gegen Alzheimer und ähnliche Leiden, bei denen Menschen allmählich ihr Gedächtnis und ihr Denkvermögen verlieren, gebe es bisher nur „schwache, symptomatische Therapien“, erläuterte Jörg Schulz, Leiter der Abteilung Neurodegeneration und Neurorestaurationsforschung der Universität Göttingen.

Medikamente, die die Konzentration des Botenstoffs Azetylcholin im Gehirn erhöhen, die bei Alzheimer-Patienten zu niedrig ist, können das Fortschreiten der Erkrankung allenfalls um sechs bis neun Monate aufschieben. Verschiedene Arbeitsgruppen verfolgen Strategien, mit denen der Abbau von Nervenzellen im Gehirn an der Wurzel gepackt werden könnte. Gegen die krankhaften Eiweißablagerungen, die Neuronen arbeitsunfähig machen und zerstören, könnten Sekretasehemmer helfen: Sie schalten Enzym-„Scheren“ aus, die in der Plaquebildung eine verhängnisvolle Rolle spielen. Noch sind die Versuche aber im experimentellen Stadium – sie sind riskant, weil die „Scheren“ auch nützliche Funktionen haben könnten. Schon in der Auswertungsphase ist dagegen eine klinische Studie, in der der Cholesterinsenker Atorvastatin bei Alzheimer-Patienten getestet wird. Dem Zusammenhang zwischen Cholesterin und Plaquebildung sind Forscher schon länger auf der Spur. Für besonders vielversprechend hält Schulz die Impfstrategie, die den Körper direkt oder indirekt im Kampf gegen die Amyloid-Plaques unterstützen soll. Dass vor einigen Jahren Patienten in Zürich nach dieser Immunisierung an Hirnhautentzündung erkrankten, war zwar ein herber Rückschlag. Nun läuft aber seit wenigen Monaten eine neue Studie mit einem verbesserten Impfstoff. „Wir haben große Hoffnung, in den nächsten Jahren Therapien entwickeln zu können, die kausal in den Erkrankungsprozess eingreifen“, sagte Schulz.

Impfung gegen Demenz ist unwahrscheinlich

Die Vorstellung, das Problem Demenz mit einer Impfung ganz aus der Welt schaffen zu können, mag verlockend sein – realistisch ist sie nicht. Das Nationale Forschungszentrum soll deshalb auch Pflege- und Versorgungsforschung umfassen. Die wichtigste Frage sei hierbei, welche Bestandteile des Behandlungs- und Betreuungskonzepts die Lebensqualität der Erkrankten heben, sagte die Charité-Ärztin Kuhlmey. Und fragte ketzerisch, ob der – bescheidene – Effekt der derzeit verfügbaren Medikamente nicht im Einzelfall auch dazu führen könnte, dass ein Mensch mit einer beginnenden Demenz mehr Einsicht in seine Lage gewinne. Und dadurch umso mehr Angst vor der Zukunft entwickle.

Auch das Wohlbefinden der Pflegenden – der Profis und der Angehörigen – ist ein Forschungsthema. 60 Prozent der Demenzkranken leben heute in Privathaushalten, werden meist von ihren Kindern oder ihrem Partner betreut – solange die Angehörigen das schaffen. Vom Forschungszentrum aus sollen deshalb auch neue Wohnformen und Pflegemodelle auf ihren Nutzen untersucht werden. Es gehe darum, lebendige Strukturen zu schaffen, die das Chaos lebbar machen, sagte Michael Schmieder, der das Schweizer Wohn- und Pflegemodell Sonnweid vorstellte. „Man muss ja nicht schon vor dem Tod Frieden im Altenheim haben.“

Am Welt-Alzheimer-Tag wurde also auch deutlich, dass die alternde Gesellschaft lernen muss, mit dem Leiden zu leben.

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