Altersforschung : Mit Zuversicht älter werden

Wer den Ruhestand mit Schwung angeht, lebt gesünder, besagen Studien. Kann man eine positive Sicht auf das Älterwerden auch lernen?

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Immer voran. Es leben diejenigen länger, die optimistisch auf das Alter blicken.
Immer voran. Es leben diejenigen länger, die optimistisch auf das Alter blicken.Foto: dapd

Die Vorstellungen vom Älterwerden und vom Alter sind im Umbruch. Das kann befreien, aber auch verunsichern. Da liest man morgens in der Zeitung, dass in Australien ein 97-Jähriger sein Drittstudium erfolgreich abgeschlossen hat. Kurz darauf erlebt man in der U-Bahn, wie eine Frau Mitte 60 beleidigt reagiert, weil ein junger Mann ihr einen Sitzplatz angeboten hat.

Dabei würde es ihr wahrscheinlich besser bekommen, wenn sie die Geste des Jüngeren gelassen als Form der Höflichkeit oder der Galanterie verstehen könnte. „In der Vorstellungskraft des Menschen liegt ein großes Potenzial zur Förderung von Gesundheit und Lebensqualität im Alter“, sagt die Psychologin Susanne Wurm vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin. Sie kann das mit Studien untermauern. In einer von ihnen, die sie zusammen mit Kollegen 2010 veröffentlicht hat, hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte eine positive Sicht auf das Älterwerden haben, häufiger ausgedehnte Spaziergänge unternehmen als die, die mit negativen Gefühlen in die persönliche Zukunft schauen. Die Forscher haben für ihre Studie Daten von Teilnehmern des Deutschen Alterssurveys (Deas) verwendet. Für den Deas wurden seit 1996 über 14 000 Personen zwischen 40 und 85 Jahren gewonnen.

Im Jahr 2008 lief dann, unter anderem finanziert vom Bund, im Rahmen des Verbunds „Autonomie trotz Multimorbidität“ die erste Phase des Projekts Prefer an. Darin geht es um die persönlichen Ressourcen, auf die ältere Menschen zurückgreifen können, um sich ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität trotz chronischer Krankheiten zu erhalten. 309 über 65-Jährige in dieser Lebenslage wurden dafür zu drei Zeitpunkten im Jahr 2009 befragt und im Hinblick auf einige gesundheitliche Faktoren untersucht. Nun gibt es erste Ergebnisse – doch noch ist nicht alles veröffentlicht. „Wir wissen inzwischen, dass die Kategorie Selbstwirksamkeit eine entscheidende Rolle spielt“, sagt die Psychologin Lisa Marie Warner vom Arbeitsbereich Gesundheitspsychologie der FU Berlin, die maßgeblich an Prefer beteiligt ist. Wer die Zuversicht hat, auch mit Krankheit(en) ein hohes Maß an Einfluss auf die Gestaltung des eigenen Lebens zu behalten, schätzt trotz gesundheitlicher Einschränkungen die aktuelle Lebensqualität höher ein.

So schön das klingt: Spätestens hier stellt sich die berühmte Frage nach Henne und Ei. Was ist zuerst da, die schöne Vorstellung vom Altern in Autonomie, die der Gesundheit gut tut, oder das relative Wohlergehen, das erst zu einem positiven Bild führt? „Es liegt auf der Hand, dass Menschen mit einer schlechten Gesundheit ein negativeres Altersbild haben“, muss auch Lisa Marie Warner zugestehen. Allerdings konnte die Forschungsgruppe nachweisen, dass das Bild, das sich Versuchspersonen zu einem gegebenen Zeitpunkt vom Alter malen, ihre Gesundheit in den kommenden Jahren mehr beeinflusst als umgekehrt.

Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2002 legt sogar nahe, dass dieses persönliche Altersbild auch einen Einfluss auf die Lebenserwartung haben könnte. Wissenschaftler aus Yale haben dafür das Geschick von 660 über 50-jährigen Teilnehmern der Ohio Longitudinal Study of Aging and Retirement 23 Jahre lang verfolgt. Die Teilnehmer der Gruppe, die zu Beginn eine optimistischere Sicht auf das Alter hatte, lebten im Schnitt siebeneinhalb Jahre länger. Die Wirkung der Altersbilder auf die Lebenserwartung zeigte sich auch dann noch, wenn Faktoren wie chronische Krankheiten, Bildung, Einkommen und Familienstand „herausgerechnet“ wurden. Die Autoren vermuten, dass der „Lebenswille“ als Bindeglied wirkt. Die Ergebnisse von Levy und Kollegen konnten mittlerweile in weiteren Studien bestätigt werden.

Es stimmt insofern positiv, wenn die DEAS-Daten für Deutschland belegen: Zwischen 1996 und 2002 wurde das Bild, das sich Menschen über 40 vom Alter machen, erfreulicher, und auf diesem Level hat es sich stabilisiert. Es wird von den Befragten mehr mit persönlicher Weiterentwicklung, weniger mit Gebrechlichkeit in Verbindung gebracht – und das vor allem von Menschen zwischen 40 und Ende 50. Danach wird das Bild etwas durchwachsener.

In ihrer Nachfolgestudie Prefer II wollen die Psychologen von Deutschen Zentrum für Altersfragen nun herausfinden, ob man in gezielten Programmen lernen kann, das Älterwerden mit Schwung und Engagement anzugehen. 400 Menschen über 65 sollen in die Untersuchung „Den Ruhestand aktiv gestalten“ eingeschlossen werden. In Kleingruppen sollen ihnen Angebote gemacht werden, von Bewegungsprogrammen bis zu sozialem Engagement. „Auf der Grundlage der erstaunlichen Effekte von negativen und positiven Einstellungen zum Älterwerden wollen wir in der Studie älteren Menschen Wege aufzeigen, wie sie ihre negativen Vorstellungen verändern können“, sagt DZA-Direktor Tesch-Römer.

Es gehe nicht um ein idealisiertes, sondern um ein realistisches Bild vom Alter, präzisiert Susanne Wurm. Ein Bild, das Gebrechlichkeit und zunehmende Nähe zu Sterben und Tod nicht ausspart, trotzdem Platz für eigene Pläne und Glücksmomente lässt. „Wir wissen inzwischen, dass diese Ziele und Freuden ganz individuell aussehen, denn mit zunehmendem Alter werden Menschen unterschiedlicher statt gleicher.“ Nicht jeder kann und will mit 90 noch für ein Drittstudium die Unibank drücken. In der U-Bahn könnte sich aber jede(r) ein Sitzplatzangebot gefallen lassen.

Mehr Informationen zur geplanten Studie „Den Ruhestand aktiv gestalten“ bekommen Interessenten, die an der Studie teilnehmen möchten, unter www.dza.de/teilnahme und telefonisch unter 030-26074088.

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