''Altstudierende'' : Studieren auf Abruf

Vorfahrt für Bachelor: Berliner Unis stellen die Magisterfächer ein. Viele Studenten fürchten um ihren Abschluss.

Tina Rohowski

Wenig schmeichelhaft klingt der Name, den die Verwaltungssprache für sie entwickelt hat: Als „Altstudierende“ sind allein an Berliner Hochschulen derzeit noch Zehntausende erfasst, deren Studiengang mit Diplom, Magister oder Staatsexamen abschließt. Ihre traditionellen Fächer sollen in den nächsten Semestern ganz eingestellt werden. Was dann drohen könnte: kein Lehrangebot, keine Prüfungen, kein Abschluss. Die Unis versprechen „individuelle und verträgliche Lösungen“. Studentenvertreter befürchten hingegen, Hochschulen könnten „mit dem Besen auskehren“.

Die Frage, wie mit „Altstudierenden“ umgegangen werden soll, dürfte künftig Hochschulen in allen Bundesländern beschäftigen. An den Berliner Unis, den Vorreitern der Studienreform, zeigen sich die Probleme mit auslaufenden Studiengängen jedoch schon jetzt. Der Hintergrund: Die Unis haben sich in den vergangenen Jahren verpflichtet, den Studenten einen „Vertrauensschutz“ zu gewähren. Sie dürfen, ab dem Zeitpunkt der letzten Immatrikulation gerechnet, zwei Semester über die Regelstudienzeit hinaus studieren, danach soll Schluss sein. Für viele Studenten könnte diese Frist allerdings nicht reichen.

Er versuche, „die Ungewissheit und den Druck zu ignorieren“, sagt etwa Henryk Schulz, der im Diplomfach Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität eingeschrieben ist. In diesem Sommer läuft die Schutzfrist in seinem Studiengang aus, doch Henryk, momentan im 14. Semester, braucht noch einen Seminarschein und einige Monate für die Abschlussprüfungen. Allein in seinem Fach wären bis zu 300 weitere „Altstudierende“ vom Aus betroffen. „Formal dürften diese Studierenden nicht zurückgemeldet werden“, sagt Karin Lohr, Studienberaterin am Institut für Sozialwissenschaften. Doch gebe es derzeit einen Unterschied zwischen den „formalen Vorgaben und der tatsächlichen Handhabe“. Geplant sei, den betroffenen Studenten noch einmal zwei Semester Aufschub zu gewähren. Etwa die Hälfte von ihnen strebe „ernsthaft einen Diplomabschluss an“, schätzt Lohr, die die Studierenden in ihrer Sprechstunde berät. Bei vielen anderen, denen die Zwischenprüfung und unzählige Scheine fehlen, sehe sie jedoch „keine realistische Chance“. Sie könne dann nur den Wechsel in den Bachelorstudiengang anbieten, sagt Lohr.

Ob alle Studierenden auf Fristverlängerungen und viel Kulanz hoffen dürfen, ist allerdings fraglich. Hochschulen könnten schließlich „nicht ewig die für die alten Studiengänge nötigen Kurse anbieten“, sagt Hellmut-Johannes Lange vom Rechtsamt der Freien Universität. Die Betroffenen seien schon vor mehreren Semestern in Briefen und Informationsveranstaltungen gebeten worden, zügig zu Ende zu studieren. Mehr als 40 traditionelle Studiengänge will die FU schrittweise bis zum Jahr 2010 einstellen. Lange befürchtet, dass bald „eine Reihe von Studenten zusammenkommen, die das Ganze einfach verschlafen haben“.

Viele Studierende glaubten zudem, dass sie künftig ohne Wechsel an Bachelor- und Mastermodulen teilnehmen könnten, um doch noch mit Magister, Diplom oder Staatsexamen abzuschließen. Diese Module seien aber „ganz anders zugeschnitten als Lehrveranstaltungen für die traditionellen Studiengänge“, sagt Lange. Außerdem dürfte die Zulassungsbeschränkung der meisten Kurse den Nachzüglern einen Strich durch die Rechnung machen. Lange rät, schon jetzt die Beratungsangebote der FU zu nutzen und „alles Nötige zu planen“ – sich zum Beispiel auch darüber zu informieren, welche Hochschulen den eigenen Studiengang über die Schutzfrist der Berliner Unis hinaus anbieten. Je nach Fach könne es „in einem Jahr schon zu spät sein“.

Studentenvertreter kritisieren, an den Unis sei über solche Konsequenzen der Studienreform „viel zu wenig informiert“ worden. Daher habe es bislang nur „erste besorgte Anfragen“ gegeben, sagt Ralf Hoffrogge, Sprecher des Asta an der FU. Doch die meisten Studierenden – und selbst ein Großteil der FU-Mitarbeiter – wüssten nicht Bescheid. „Die große Welle kommt sicher noch“, glaubt Hoffrogge.

Die beschlossenen Fristen, die nahe an der Regelstudienzeit – die meistens neun Semester beträgt – bleiben, halte er jedenfalls für „utopisch“. Hoffrogge verweist zudem auf die Ergebnisse einer Umfrage unter HU-Studenten aus dem Mai dieses Jahres: Lediglich ein Drittel der „Altstudierenden“ hatte darin angegeben, völlig sicher zu sein, den Abschluss innerhalb der gegebenen Zeitspanne zu erreichen. Eine studentische Studienberaterin der FU berichtet, zu ihr kämen „seit kurzem immer mehr Studierende mit der Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden“. Oft treffe es jene, die Mehrfachbelastungen neben dem Studium ausgesetzt sind: Nebenjobs, Praktika, Auslandsaufenthalte, Krankheiten oder eine Schwangerschaft. Ihr Fazit: „Nicht mit jedem Lebenslauf ist ein Studium in zehn oder elf Semestern machbar.“

Nach Erhebungen des Wissenschaftsrates dauerte ein Studium auf Diplom, Magister oder Staatsexamen an deutschen Hochschulen in den vergangenen Jahren im Mittel tatsächlich zwischen elf und zwölf Semestern. In Berlin lag die durchschnittliche Studiendauer sogar etwas darüber. HU-Student Henryk Schulze sagt, bei ihm sei „vieles zusammengekommen", was einen früheren Abschluss verhindert hätte: Jobs als Studienberater, Werksstudent oder in einem Schulhort; hochschulpolitische Arbeit in den Gremien der HU, zuletzt psychische Probleme und eine Schreibblockade. Trotzdem sei er nun zuversichtlich, da er an seinem Institut noch aus relativ vielen Kursen und Diplomprüfern wählen könne.

In anderen Fächern scheint genau das zum Problem vieler „Altstudierender“ zu werden. Schon jetzt, mehrere Semester vor dem planmäßigen Ende der meisten Studiengänge, würden für sie passende „Lehrveranstaltungen ausgedünnt“, heißt es aus den Studentenvertretungen von FU und HU. Studenten der Ur- und Frühgeschichte an der Humboldt-Uni beklagten sich erst vor wenigen Wochen über fehlendes Lehr- und Prüfungspersonal. Ihr letzter Professor geht in diesem Sommer in den Ruhestand – zwei Jahre vor Auslaufen des Vertrauensschutzes in dem HU-Fach.

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