Alzheimer : Das kann man vergessen

Das Dimebon-Desaster: Erneut hat ein Wirkstoff gegen Alzheimer die Erwartungen enttäuscht

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Geschrumpft. Das Gehirn eines Alzheimer-Patienten (li.) im Vergleich zu dem eines Gesunden. Foto: Focus/SPLAPA

Alzheimer macht Angst. Viele junge Menschen hoffen im Stillen, die Forschung werde schon ein Mittel dagegen gefunden haben, bis ihre Generation so weit ist. Aber trotz immenser Forschungsanstrengungen ist bisher keine Heilung für die Erkrankung in Sicht, ist kein Medikament in der Lage, den Verlust von Gedächtnis und wesentlichen Zügen der Persönlichkeit aufzuhalten. Jüngstes Beispiel: das Versagen der Substanz Latrepirdin, auch bekannt unter dem Namen „Dimebon“.

Wie die Firmen Medivation und Pfizer vor kurzem bekannt gaben, verlief die multi-nationale „Connection-Studie“ mit Latrepirdin enttäuschend. 598 Patienten mit einer leichten bis mittelschweren Alzheimer-Erkrankung hatten dafür dreimal täglich die Substanz in zwei verschiedenen Dosierungen oder zum Vergleich ein Scheinmedikament, ein Placebo, eingenommen. Menschen aus 63 Orten in Europa, Nord- und Südamerika, nahmen teil, die Hoffnung war groß.

Aber nach einem halben Jahr schnitten die Patienten, die den Wirkstoff in höherer Dosierung bekommen hatten, weder in ihren kognitiven Leistungen noch hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit im Alltag besser ab. „Die Ergebnisse der Connection-Studie kommen unerwartet und sind eine Enttäuschung für die Betroffenen“, kommentierten die Verantwortlichen der beiden Firmen in einer Presseerklärung. Die Enttäuschung ist auch bei den Firmen groß, stürzten doch zeitgleich mit der Mitteilung deren Aktienkurse brutal ab.

Dabei hatte eine Studie, deren Ergebnisse vor zwei Jahren im Fachblatt „Lancet“ publiziert worden waren, die Substanz zum Hoffnungsträger gemacht. Damals war das Mittel an elf russischen Standorten getestet worden, wo die Substanz aus der Gruppe der Antihistaminika als Dimebon seit 1983 zur Behandlung von Allergien zugelassen war. Nach einem halben Jahr verbesserte sich bei jenen Alzheimer-Patienten, die das Medikament bekommen hatten, in den einschlägigen Tests die geistige Leistungsfähigkeit, während sich bei den Einnehmern des Placebos Gedächtnis und Selbstständigkeit im Lauf der Zeit erwartungsgemäß verschlechterten.

Warum Latrepiridin hätte wirken können, darüber gibt es bisher nur Vermutungen: Es könnte helfen, Nervenzellen vor dem Untergang zu bewahren, indem es deren „Kraftwerke“, die Mitochondrien, stabilisiert. Die Substanz wird auch bei Huntington-Patienten getestet, erste Ergebnisse waren bislang ermutigend. „In der ,Lancet’-Studie zu Latrepiridin sind positive Effekte in einer Stärke aufgetreten, wie wir sie bisher aus Alzheimer-Studien nicht gekannt haben“, sagt Isabella Heuser, Psychiaterin an der Berliner Charité. „Wir hofften, unseren Patienten etwas anbieten zu können.“

Auch die Charité war an der nachfolgenden enttäuschenden Multicenter-Studie beteiligt, auch Heuser ist deprimiert über deren Ausgang. Sie plädiert nun für eine detaillierte Analyse der Daten – und hofft, dass die beteiligten Firmen das finanzieren. Die klinische Erfahrung zeige, dass sich hinter dem wenig ermutigenden Gesamtbild einzelne kleine Patientengruppen verbergen könnten, die Nutzen aus dem Mittel ziehen. „Wir müssen herausfinden, in welchen Merkmalen sich die Patienten ähneln, denen eine Substanz hilft.“ Möglicherweise ist Alzheimer nicht gleich Alzheimer, auf jeden Fall reagieren nicht alle Betroffenen gleich auf die Therapie.

Das könnte auch der Grund für die mauen Ergebnisse einer weiteren Alzheimer-Studie sein, die im Januar in „Lancet Neurology“ veröffentlicht wurde. Dort hatten Infusionen des Antikörpers Bapineuzumab bei den Beteiligten nach eineinhalb Jahren die Alzheimer-Symptome nicht nennenswert verbessert.

Dabei hatte der Antikörper, ein biotechnisch hergestelltes Eiweiß, geleistet, was erwartet worden war, nämlich die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn der Patienten abzuräumen. Nach der „Amyloid-Hypothese“ gelten die Ablagerungen als eigentlicher Bösewicht. Ihnen wirkungsvoll zu Leibe zu rücken ist auch die Hoffnung, die sich mit einer „Impfung“ gegen Alzheimer verbindet. Eine erste Studie, für die Beta-Amyloid in die Venen von Patienten gespritzt wurde, um die Antikörperbildung anzuregen, musste im Jahr 2002 abgebrochen werden, weil einige Studienteilnehmer auf die Impfung mit Entzündungen an Gehirn und Hirnhaut reagiert hatten. Auch das ein herber Rückschlag. Doch weitere Studien mit Fragmenten des Eiweißes laufen.

Die bislang zugelassenen Alzheimer-Medikamente, die entweder wie Donepezil, Rivastigmin oder Galantamin die über den Botenstoff Acetylcholin vermittelte Signalübertragung zwischen Nervenzellen verbessern oder wie „Memantine“ den Neuro-Botenstoff Glutamat beeinflussen und dadurch die Weiterleitung von Informationen erleichtern, zeigen allesamt nur bescheidene Wirkung und können den Verfall der geistigen Fähigkeiten nur verzögern.

Zudem helfen sie, wie Heuser hervorhebt, keinesfalls allen Patienten. „Und leider können wir bisher noch nicht vorhersagen, was bei wem wirkt.“ Pragmatisch plädiert die Psychiaterin dafür, es zunächst mit einem der Präparate zu versuchen, die Lage genau zu beobachten, bei einem Misserfolg zu wechseln – und die Ergebnisse dieses Vorgehens anschließend systematisch auszuwerten. „Die Antworten kommen nicht direkt aus dem Labor, sondern aus guten klinischen Studien“, sagt Heuser. Sicher ist: Sie werden dringend gebraucht.

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