Ameisen : Invasoren auf sechs Beinen

Eine fremde Ameisenart erobert Europa. Keiner weiß, woher sie kommt.

Roland Knauer

Hat der Eindringling seine sechs Beine erst mal in eine Gegend gesetzt, hat die örtliche Konkurrenz kaum Chancen. Sobald die Ameisenart Lasius neglectus irgendwo auftaucht, verschwinden bald darauf die ursprünglich dort lebenden Ameisenarten, berichtet die Biologin Sylvia Cremer von der Universität Regensburg. Auch andere Insekten- und Spinnenarten sind bald unauffindbar – der Eindringling setzt sich erfolgreich durch. An mehr als 100 Orten in Europa und Asien ist die Art bisher gefunden worden, darunter in Thüringen und Niederbayern.

Wo Lasius neglectus aber eigentlich zu Hause ist, weiß bisher niemand. In Ungarn wurde die Art 1990 zum ersten Mal beschrieben. Ihre Heimat könnte am Schwarzen Meer liegen, vermuten einige Forscher. Tatsächlich hat Cremer in der Türkei diese Ameise an mehreren Stellen gefunden. Aber immer nur in Ortschaften oder Städten, nie in der freien Natur. „Lasius neglectus scheint ein echter Kulturfolger zu sein, der gern in der Nähe von Menschen ist“, sagt sie.

Obwohl die einzelnen Vertreter sich für einen Laien kaum von der in Mitteleuropa heimischen Schwarzen Wegameise (Lasius niger) unterscheiden, ist ein Befall meist an der großen Zahl der Tiere erkennbar. Führt etwa eine Ameisenstraße auf einem Baumstamm zur Krone hinauf, sieht man normalerweise fünf oder sechs Schwarze Wegameisen. „Auf den Straßen von Lasius neglectus sind dagegen oft einige Hundert Ameisen unterwegs“, sagt Cremer.

Blattläuse werden gemolken

In der Baumkrone züchten die Ameisen Blattläuse, die Säfte aus den Pflanzen saugen. Trommeln die Ameisen auf den Hinterleib der Blattläuse, scheiden diese eine Art Sirup aus, der sehr viel Zucker enthält. Von diesem Honigtau ernähren sich die Ameisen. Die Insekten haben damit eine Art Viehwirtschaft erfunden und „melken“ die Läuse ähnlich wie Bauern ihre Kühe. Genau wie Landwirte von Zeit zu Zeit ihr Vieh auf eine andere Weide treiben, tragen auch die Ameisen ihre Blattläuse gelegentlich auf andere Pflanzen, von denen sie sich einen besseren Ertrag versprechen.

Eine solche Viehwirtschaft betreiben einige Ameisenarten. Allerdings sammeln sich viel mehr Lasius neglectus- Ameisen mit ihren Blattlaus-Herden an einem Baum als heimische Arten, berichtet Cremer: „Das Schadenspotenzial der Invasoren scheint also höher zu sein.“ Wie groß deren Einfluss genau ist, wurde bislang jedoch noch nicht wissenschaftlich untersucht.

Die Einwanderer sind optimal an das Erobern neuer Regionen angepasst. Anders als heimische Arten paaren sich diese Ameisen auch innerhalb des eigenen Nestes. Das ist ein enormer Vorteil für eine Kolonie, die neu in einer Gegend ist und daher keine Nachbarstaaten hat, in der man Paarungspartner suchen könnte. Sobald es Nachbarn gibt, dauert es nicht lange, bis die Kolonien miteinander verschmelzen.

Anderen Einwanderern ist es in Mitteleuropa zu kalt - noch

Diesem Prinzip folgen auch andere Invasoren: Die Argentinische Ameise erobert mit ihrer Superkolonie den Mittelmeerraum, die Feuerameise breitet sich in den USA aus. In Mitteleuropa ist es diesen Arten aber zu kalt. Von den hier eingewanderten Arten übersteht bislang nur Lasius neglectus das Winterhalbjahr.

Wie sie sich verbreitet, ist ebenfalls unklar. Cremer vermutet, dass die Tiere mit Gartenerde oder in den Wurzelballen von Pflanzen in neue Regionen gelangen. Der Berliner „Antstore“, der einzige Laden, der weltweit Ameisen für Liebhaber und professionelle Nutzer wie Zoos oder Filmstudios verkauft, gehört offenbar nicht zu den Quellen, aus denen sich Lasius neglectus ausbreitet. „Wir haben die Art gar nicht im Programm“, sagt der Betreiber Martin Sebesta. Überhaupt liefere er nur heimische Arten und solche, denen es in Mitteleuropa zu kalt ist. Die Gefahr, dass Antstore-Tiere aus Privatterrarien ausbüxen und die hiesigen Ökosysteme stören, sei also ziemlich gering.

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