Amokläufe : Bevor der Hass ausbricht

Amokläufe an Schulen verlaufen spontan und sind nicht vorhersehbar – diese landläufige Meinung ist falsch, sagt ein Psychologe der Freien Universität. Ein neues Projekt soll Schulmassaker verhindern helfen.

Hartmut Wewetzer
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Geschockt. Trauernde nach dem Amoklauf von Winnenden im März. Foto: dpadpa

Amokläufe wie der von Winnenden am 11. März, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen ermordete und dann sich selbst richtete, werfen stets eine Frage auf: Hätte die Tat verhindert werden können? Der Psychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin gehört zu denen, die darauf hoffen. Scheithauer leitet ein Forschungsvorhaben namens „Netwass“, mit dessen Hilfe potenzielle Amokläufer frühzeitig erkannt werden sollen. Das Projekt ist Teil des Sicherheitsforschungsprogramms der Bundesregierung.

Amokläufe verlaufen spontan und sind nicht vorhersehbar – diese landläufige Meinung sei falsch, zumindest wenn es um Massaker an Schulen, um „School Shootings“, gehe, sagte Scheithauer am gestrigen Mittwoch bei der Vorstellung seines Vorhabens in Berlin. Nicht selten seien solche Taten über Monate oder gar Jahre geplant worden, manche Täter führten regelrechte Todeslisten.

Dieses lange Kreisen um die Idee eines Amoklaufs bietet aus Sicht Scheithauers die Chance, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Denn nicht selten „tröpfeln“ Informationen vor der Tat heraus, gibt es Andeutungen, Drohungen, Zeichnungen, Pläne, Kommentare im Internet. „Leaking“ („lecken“, „herauslaufen“) lautet der englische Fachausdruck dafür.

Wie aber unterscheidet man die Planspiele eines potenziellen Amokläufers von harmlosen pubertären Kritzeleien? „Das ist die Gretchenfrage“, sagte Scheithauer. Er hat Einblick in rund 120 Ermittlungsakten zu „echten“ Amokläufern, Nachahmern und Trittbrettfahrern, um auf diese Weise ein Gespür für Gefahr zu bekommen. Anders als in den USA machten in Deutschland potenzielle Täter eher durch wiederholtes Drohen auf sich aufmerksam, im Zentrum der Aggression stünden häufiger Lehrer als Mitschüler.

Scheithauer will die Schulen im Umgang mit der Amokgefahr hellhörig machen. Lehrer oder Psychologen sollen erkennen, wenn bei einem Schüler „irgendetwas nicht stimmt“. Es gehe darum, jene herauszufinden, „die vielleicht eine Gefahr darstellen“.

Bisher seien Schulen damit häufig überfordert und wüssten nicht, wie sie mit einem Verdacht umgehen oder an wen sie sich wenden sollten. Im Netwass-Projekt sollen nun Lehrer geschult werden, sich in Teams beraten und anonyme Beratung einholen können. Ein professionelles Netzwerk mit Psychologen und Polizisten soll ihnen zur Seite stehen. Der Präventionsansatz wird in den nächsten drei Jahren an je 40 Schulen in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg erprobt, gefördert wird er mit rund 1,2 Millionen Euro aus Bundesmitteln.

Dabei geht es auch darum, das „subjektive Sicherheitsempfinden“ zu verbessern, wie Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) bei der Vorstellung des Projekts sagte. Schüler und Lehrer sollen wieder Vertrauen in die Schule bekommen. „Ich fühle mich sicher, wenn der Lehrer weiß, was zu tun ist“, zitierte Scheithauer eine Schülerin.

Als Konsequenz des Amoklaufs von Winnenden war vor allem eine Verschärfung des Waffenrechts diskutiert worden. „Das kann aber nicht die alleinige Antwort sein“, sagte Schavan. Als sie durch ein Interview im Tagesspiegel von der Arbeit Scheithauers erfuhr, entschloss sie sich zur Förderung. An Schulen gebe es eine Menge brenzliger Situationen, diese täten sich aber schwer damit, darüber öffentlich zu berichten. Forschungsvorhaben wie das von Scheithauer könnten nun ein Fundament legen, das allen Schulen zugutekommen werde. Und sie sind aus Sicht Schavans ein Argument, trotz schwindender Schülerzahlen weiter Geld in die Bildung zu stecken.

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