Anästhesie : Narkosegas kann Hirnschädigungen auslösen

Eines der am häufigsten verwendeten Narkosemittel führt eventuell zu chemischen Veränderungen im Gehirn, die eine Alzheimer-Erkrankung befördern können.

Michael Hopkin

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Isofluoran, ein bei Vollnarkosen sehr oft eingesetzter Wirkstoff, zumindest in gezüchteten Zellen die Produktion eines Proteins auslöst, das mit Alzheimer in Verbindung gebracht wird.

Zwar wurden die Ergebnisse noch nicht am menschlichen Körper überprüft, aber sie zeigen trotzdem, dass ein chirurgischer Eingriff das Demenzrisiko der Patienten stark erhöhen könnte, wenn in ihrem Gehirn die gleichen Veränderungen stattfänden wie bei den Laborzellen.

"Es ist noch zu früh, um der Welt zu sagen, dass Isofluoran gefährlich ist," sagt Zhongcong Xie vom Institut für Neurodegenerative Krankheiten am Massachusetts General Hospital in Charlestown. Er und sein Forschungsteam wollen mittels Mäuseversuchen und Patientenbeobachtungen überprüfen, ob Narkosemittel tatsächlich das Alzheimer-Risiko erhöhen.

Es ist üblich, Patienten, die eine Vollnarkose erhalten, mit einer Kombination aus intravenös verabreichten und inhalierten, oder "flüchtigen", Mitteln wie Isofluoran in Schlaf zu versetzen und zu halten. Aber selbst wenn nun ein Verdacht auf das Gas fällt, so rät Xie trotzdem davon ab, lediglich auf intravenöse Präparate zu setzen. Denn bei diesen sei es viel schwieriger, feinste Änderungen an der Dosierung vorzunehmen.

Proteinknäuel

Xie und seine Kollegen behandelten gezüchtete menschliche Nervenzellen mit Isofluoran. Ergebnis: Die Zellen produzierten mehr Amyloid Beta. Dieses Protein sammelt sich im Gehirn an und bildet Knäuel, die als eine Ursache für Alzheimer betrachtet werden. Die Studie wurde im Journal of Neuroscience veröffentlicht. (1)

Es ist bekannt, dass bei älteren Patienten nach einer Vollnarkose eine 'post-operative kognitive Dysfunktion' auftreten kann. Sie verhindert, dass diese Menschen ihre ursprünglichen geistigen Fähigkeiten in vollem Umfang zurückerhalten, berichtet Mervyn Maze, Anästhesie-Experte am Imperial College in London.

Die Gründe dafür seien unklar, fügt Maze an. Frühere Untersuchungen zeigten, dass für ältere Patienten die Wahrscheinlichkeit erhöht sei, nach einer Operation kognitive Probleme zu bekommen, unabhängig davon, ob sie eine örtliche Betäubung oder eine Vollnarkose erhielten. Vielleicht träfe die Betäubungsmittel auch gar keine Schuld.

Die neuen Erkenntnisse legten jedoch nahe, dass flüchtige Anästhetika der Grund für diesen geistigen Abbau sein könnten, so Maze. Die Symptome seien ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit.

Patientenstudie

Maze fügt an, dass nur anhand sorgfältiger Patientenbeobachtungen festgestellt werden könne, ob es Anzeichen für die Produktion von Amyloid Beta sowie für eine Demenz nach Operationen gibt. Gezüchtete Nervenzellen bringen andere Gene hervor als Zellen eines lebenden Menschen. Daher kann eine Untersuchung mit Patienten zu anderen Ergebnissen führen. Es sei außerdem möglich, dass die beschriebenen Effekte nur in sehr anfälligen Gehirnen, wie bei Kindern und Alten, auftreten.

Wird der neue Befund jedoch durch weitere Studien bestätigt, benötigt man in der Chirurgie ein neues Narkosegas. Hier könnte Xenon eine Option sein, doch es ist wesentlich teurer.

Jetzt schon nach Alternativen zu suchen, könnte allerdings etwas verfrüht sein, wendet Xie ein. "Ich würde sagen, wir sollten aufmerksam sein, aber wir haben noch kein sicheres Endergebnis," fügt er an. "Wir forschen weiter, um mehr Datenmaterial zu erhalten - lebende Daten haben wir noch nicht."

(1) Xie X., et al. J. Neurosci., 27. 1247 - 1254 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 5.2.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. Übersetzung: Rainer Remmel. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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