Anthropologie : Der Welt ins Maul geschaut

Überraschendes Ergebnis einer Studie: Wo jemand lebt, hat kaum einen Einfluss auf die Bakterien in seinem Mund. Die Mundflora des Menschen ist überall sehr ähnlich.

Kai Kupferschmidt

Da hilft alles Zähneputzen nichts. Im Mund des Menschen leben mehr als 600 verschiedene Arten von Bakterien. Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben nun erstmals die Mundflora von Individuen auf der ganzen Welt untersucht und miteinander verglichen. Das erstaunliche Ergebnis: Wo jemand lebt, hat kaum einen Einfluss auf die Bakterien in seinem Mund.

„Das ist überraschend, wenn man bedenkt, wie groß der Unterschied im Essen und anderen kulturellen Faktoren ist, die die Mundflora beeinflussen könnten“, sagt Mark Stoneking, der die Studie geleitet hat. Die Wissenschaftler hatten Speichelproben von 120 gesunden Individuen aus sechs geografischen Gegenden untersucht. Der Unterschied in der Zusammensetzung der Mundflora war nur zu 13,5 Prozent auf die unterschiedlichen Wohnorte zurückzuführen, schreiben die Forscher online im Fachmagazin „Genome Research“.

Die Wissenschaftler sequenzierten ein Gen namens 16S rRNA aus den Speichelproben. Das Gen kommt in allen Lebewesen vor, unterscheidet sich aber leicht. Anhand einer Datenbank konnten sie dann die Bakterien zuordnen, die in den Proben vorhanden waren. 101 Bakteriengattungen konnten die Forscher so identifizieren. 39 davon waren vorher noch nicht in der Mundflora beschrieben worden.

Das Interesse an Bakterien, die den Menschen besiedeln, hat in den letzten Jahren zugenommen. Im menschlichen Körper befinden sich nach Schätzungen zehnmal mehr Bakterien als menschliche Zellen und die Mikroben spielen in vielen Krankheitsprozessen eine wichtige Rolle. Die Forscher aus Leipzig hatten außerdem gehofft, anhand von Unterschieden in der Mundflora verstehen zu können, wie verschiedene menschliche Populationen miteinander verwandt sind und wollten so historische Wanderungen des Menschen nachvollziehen. Momentan kann das zum Beispiel mit dem Darmbakterium Helicobacter pylori gemacht werden. Dafür sind aber Magenbiopsien nötig. Die Forscher hoffen nun bei den identifizierten Bakterienstämmen doch noch einen zu finden, der sich von Region zu Region so stark unterscheidet, dass er sich für solche Untersuchungen eignet. 

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