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Anthropologie : Die Waffen der Steinzeit-Großwildjäger

16.11.2012 10:15 Uhrvon
Spitzenforschung. Mit solchen nachgebauten Speeren schossen die Archäologen auf Springbock-Kadaver.Bild vergrößern
Spitzenforschung. Mit solchen nachgebauten Speeren schossen die Archäologen auf Springbock-Kadaver. - Foto: Wilkins/Science

Bereits vor 500 000 Jahren nutzten unsere Vorfahren Speerspitzen aus Stein, um Beute zu machen. Das zeigen neue Funde aus dem Süden Afrikas.

Die Vorfahren des modernen Menschen Homo sapiens scheinen begeisterte Großwildjäger gewesen zu sein: Vor 380 000 Jahren wurden im jetzigen Bilzingsleben im Norden des Thüringer Beckens die damals dort lebenden Elefanten und Nashörner gejagt und vor etwa 320 000 Jahren brachten Jäger im heutigen Ost-Niedersachsen vor allem Pferde zur Strecke, wie Funde aus Schöningen zeigen. Die Huftiere erlegten sie wohl mit Waffen, deren Form heutigen Wettkampfspeeren verblüffend ähnelt. Sieben perfekte, bis zu 250 Zentimeter lange, komplett aus Holz gemachte Speere haben die inzwischen von Jordi Serangeli von der Universität Tübingen geleiteten Ausgrabungen dort zutage gefördert.


Erst jetzt wird deutlich, dass diese Jagdmethode schon damals eine lange Geschichte hinter sich hatte. Bereits vor 500 000 Jahren jagten Menschen im Süden Afrikas mit Speeren Großwild. Das berichten

Jayne Wilkins von der Universität Toronto und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift „Science“ (Band 338, Seite 942). Im Gegensatz zu den hölzernen Waffen von Schöningen verfügten die afrikanischen Speere jedoch über Steinspitzen.
Den Forschern waren bei Ausgrabungen 4,5 Kilometer nordwestlich der Stadt Kathu im Norden Südafrikas mehrere hundert, im Durchschnitt sieben Zentimeter lange Spitzen aus Bändereisenstein aufgefallen. Die Steine waren kunstvoll bearbeitet und lagen in einer Schicht, die ungefähr eine halbe Million Jahre alt ist. Die Handwerker sollten daher zur Art Homo erectus gehört haben, aus der sich sowohl der moderne Mensch Homo sapiens wie auch die Neandertaler entwickelt haben.
Als Messer oder Schaber taugen diese Spitzen wenig, erkannten die Wissenschaftler rasch. Bei einigen von ihnen waren jedoch am breiten Ende Steinsplitter so abgeschlagen, dass man den Stein an dieser Stelle gut mit einem Schaft aus Holz verbinden konnte. Sollten die Forscher etwa die Spitzen von Speeren gefunden haben, mit denen Homo erectus damals Großwild nachstellte? Das wären die ältesten Hinweise auf aus zwei unterschiedlichen Materialien zusammengesetzte Speere, die Forschern bisher in die Hände fielen. Bisher kannten sie solche Gerätschaften nämlich allenfalls aus einer 200 000 Jahre jüngeren Epoche.
Um diese Überlegung in der Praxis zu testen, schlugen die Forscher 32 ähnliche Spitzen aus dem in der Gegend reichlich vorhandenem Bändereisenstein. Diese hefteten sie mithilfe von Akazienharz und Tiersehnen an Rundhölzer mit wenigen Zentimetern Durchmesser. Die so erhaltenen einfachen Speere könnten durchaus den Jagdwaffen vor einer halben Million Jahren geähnelt haben, glauben die Wissenschaftler – und starteten eine Versuchsreihe.

Fundstücke. Die mutmaßlichen Speerspitzen aus Stein, gefertigt vor rund 500.000 Jahren.Bild vergrößern
Fundstücke. Die mutmaßlichen Speerspitzen aus Stein, gefertigt vor rund 500.000 Jahren. - Foto: Wilkins/Science


Allerdings können moderne Archäologen im Speerwerfen vermutlich nicht mit versierten Steinzeitjägern konkurrieren. Obendrein legen Naturwissenschaftler großen Wert auf einheitliche Versuchsbedingungen, die kaum eingehalten werden können, wenn man die Speere mit der Hand schleudert. Daher schossen die Forscher ihre Modellspeere mit einer Armbrust immer mit der gleichen Kraft auf Kadaver von Springböcken.
Die Spitzen drangen gut in das Fleisch der toten Tiere ein und überstanden die Prozedur meist unbeschadet, berichten Wilkins und Kollegen. Die Steinzeitjäger konnten mit solchen Speeren also nicht nur erfolgreich Großwild jagen, sondern ihre aufwendig hergestellten zusammengesetzten Geräte mehrfach benutzen. „Nur bei zwei Versuchen zersplitterten die Spitzen so stark, dass wir sie nicht mehr verwenden konnten“, schreiben die Archäologen. Die anderen Spitzen zeigten erst nach etlichen Schüssen auf die Springbock-Kadaver kleine Rissen, die den Forschern auch bei einigen der Speerspitzen aus der Steinzeit aufgefallen waren.
Offensichtlich hatten die Jäger vor einer halben Million Jahren ihre Speere also erfolgreich auf lebendes Großwild geschleudert. Denn mit Würfen auf bereits tote Tiere wie die Forscher des 21. Jahrhunderts dürften sich die Steinzeitjäger kaum aufgehalten haben.

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