Anthropozän: Geoforscher diskutieren über neues Erdzeitalter : Die Zeit des Menschen

Forscher diskutieren, wann das „Anthropozän“ beginnen soll. Und ob das geologische Zeitalter überhaupt nötig ist.

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Menschheitsspuren. Staudämme verändern das Antlitz der Erde – und nicht nur optisch. Sand und andere Sedimente werden aufgehalten und ganze Landschaften verändert.
Menschheitsspuren. Staudämme verändern das Antlitz der Erde – und nicht nur optisch. Sand und andere Sedimente werden aufgehalten...Foto: AFP

Aus der Entfernung werden die Dinge oft deutlicher. Elf Kilometer, die Reiseflughöhe eines Flugzeugs, genügen, um zu erkennen, wie stark die Menschheit die Oberfläche des Planeten gestaltet: begradigte Flüsse, Staudämme, Steinbrüche. Schätzungen zufolge bewegt Homo sapiens dank der von ihm ersonnenen technischen Möglichkeiten bis zu zehnmal so viel Gestein und Sediment auf dem Globus wie natürliche Vorgänge – etwa Erosion durch strömende Flüsse. Hinzu kommt ein Artensterben, wie es der Planet lange nicht erlebt hat.

Wann begann der Mensch die Erde zu formen?

Für manche Forscher steht fest, dass der Mensch nicht länger nur ein Bewohner der Erde ist wie Ratten oder Kellerasseln, sondern ein geologischer Faktor. Und darum sollte eine geologische Epoche nach ihm benannt werden, das „Anthropozän“. Entschieden ist das noch lange nicht, aber über das Ob und Wann jener Menschenzeit streiten die Geoforscher. Ist es wirklich gerechtfertigt, im Geschichtsbuch der Erde, das viereinhalb Milliarden Jahre umfasst, ein eigenes Kapitel „Mensch“ zu beginnen? Wann würde es anfangen, mit der Zähmung des Feuers, dem Beginn der Landwirtschaft, der Industrialisierung?

Seit Jahren schwärt die Debatte, jüngster Beitrag ist ein Artikel im Fachblatt „Nature“. Dort schlagen Simon Lewis und Mark Maslin vom University College London vor, die Menschen-Epoche 1610 beginnen zu lassen. Begründung: Die Folgen menschlichen Tuns – insbesondere die Kolonialisierung Amerikas – waren damals bereits so weitreichend, dass ein globaler Effekt nachweisbar sei. Zudem gibt es einen „Zeitstempel“, mit dem der Beginn der Epoche erkennbar ist.

Natur und Technik hängen zusammen

Neu ist die Idee, die Zeit des Menschen in den Erdwissenschaften kenntlich zu machen, nicht. Sie wurde bereits seit dem 18. Jahrhundert, etwa vom walisischen Geologen und Theologen Thomas Jenkyn, propagiert. Allerdings eher aus theologischen Gründen. Es ging um die Abgrenzung des Homo sapiens von anderen Kreaturen. 2002 begann die zweite und ungleich steilere Karriere des Begriffs. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen argumentierte, dass der Mensch die Umwelt so massiv beeinflusst habe, dass die stabile Phase des Holozäns (Beginn vor 11 700 Jahren) vorüber sei und wir längst im Anthropozän steckten.

Die Idee faszinierte viele, auch Sozialwissenschaftler und Künstler. „Es geht nicht nur darum, die oberste Erdschicht zu benennen, sondern um ein Gesamtverständnis“, sagt Reinhold Leinfelder, Geologe an der FU Berlin, ehemaliger Leiter des Berliner Naturkundemuseums und künftig Chef im „Haus der Zukunft“. „Wir müssen weg von dem Dualismus: Hier die Natur, dort Mensch und Technik. Beides hängt zusammen, beeinflusst einander. Wie etwa bei der Ernährung, die mit Klima, Gesundheit und Bodenressourcen verknüpft ist. Das kommt im Anthropozän-Konzept zum Ausdruck.“

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