Antisemitismus in Deutschland und Frankreich : Hass aus der Mitte der Gesellschaft

Antisemitismus ist in Frankreich und Deutschland keineswegs nur bei marginalisierten Muslimen und rechten Spinnern zu finden. Antisemitische Einstellung sind in beiden Ländern weit verbreitet. Doch es gibt auch Unterschiede zwischen den Ländern, die teilweise historisch begründet sind.

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Ein Rabbiner zeigt auf einem jüdischen Friedhof auf einen umgekippten Grabstein.
Geschändet. Auf einem jüdischen Friedhof im Elsass wurden im Januar Grabsteine zerstört.Foto: Foto: picture alliance/dpa/Patrick Seeger

Tödliche Schüsse auf Kunden eines koscheren Supermarktes im Januar 2015 in Paris. Das grausame Massaker in einer jüdischen Schule in Toulouse 2012. Die Ermordung des französischen Juden Ilan Halimi im Jahr 2006. Ohne Zweifel ist die Zahl gewalttätiger Hassverbrechen gegen Juden als Juden seit Beginn des 21. Jahrhunderts in Frankreich gestiegen, wie alle Statistiken auch jenseits der medial rezipierten Grausamkeit belegen. Aber nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland sind antisemitisch motivierte Gewalttaten wie der brutale Angriff auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter im Jahr 2012 keine Einzelfälle.

Der Aufruf an die europäischen Juden zur Einwanderung nach Israel, den Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Anschluss an die jüngsten Attentate in Paris formulierte, war politisch motiviert und entspricht ohnehin dem zionistischen Grundgedanken. Trotzdem scheint Europa für Jüdinnen und Juden knapp 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kein durchweg sicheres Terrain zu sein. Jenseits einer konkreten Gefahr für Leib und Leben sind sie zudem mit antisemitischen Einstellungen auch von Teilen der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert.

"Projektion auf vermeintliche Muslime"

Das antijüdische Ressentiment war in Diskurs und Praxis seit jeher vielgestaltig. Wie aber kann es sein, dass Antisemitismus in modernen demokratischen Gesellschaften noch immer Konjunktur hat, sich mal im Verborgenen hält, mal offen seine hässliche Fratze zeigt? Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland wird das Phänomen heute vornehmlich als ein Problem der Muslime wahrgenommen und als abweichende gesellschaftliche Praxis bagatellisiert. Zu Unrecht, wie Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU-Berlin betont: „Mit dieser Projektion auf vermeintliche Muslime glauben sich Teile der gesellschaftlichen Mitte gegen den Antisemitismusvorwurf immunisieren zu können.“

Hunderte demonstrieren gegen Antisemitismus
Wieder aus dem Krankenhaus entlassen: Rabbi Daniel Alter trägt noch sichtbare Blessuren.
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02.09.2012 14:02Wieder aus dem Krankenhaus entlassen: Rabbi Daniel Alter trägt noch sichtbare Blessuren.

Antisemitismus sei auf der Ebene der Einstellungen sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein verbreitet. Je nachdem, welche Parameter die Antisemitismusforschung anlegt, changieren die Zustimmungswerte zu im weitesten Sinne „antisemitischen Items“ zwischen 20 und 50 Prozent, wie verschiedene Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit seit Jahren belegen. So bejahten im Jahr 2008 19,6 Prozent der Deutschen und 27,7 Prozent der Franzosen die Aussage, Juden hätten in ihren jeweiligen Ländern zu viel Einfluss. Der Ansicht, Juden würden aus ihrem historischen Opferstatus Vorteile schöpfen, stimmten 48,9 Prozent der Deutschen und 32, 4 Prozent der Franzosen zu.

Das antijüdische Ressentiment hat eine lange Tradition. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts trat ein biologistischer Antisemitismus das Erbe des seit dem Johannesevangelium überlieferten christlichen Antijudaismus an. Er etablierte sich in jenem Moment, in dem die religiöse Differenz zwischen Christen und Juden ob der sich abzeichnenden Säkularisierungs- und Akkulturationstendenzen hinfällig wurde. Je stärker sich die Juden assimilierten, desto verzweifelter suchte man nach einem Kriterium, das die althergebrachte Unterscheidung weiter garantierte. Eine Ontologisierung des „Jüdischen“ im Sinne des hässlichen Wortes von Georg Schönerer „Was Juda glaubt, ist einerlei, im Blute steckt die Schweinerei“ wurde dabei nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, zumal im Frankreich der Dreyfus-Affäre, betrieben.

Das Konzept des "deutschen Volkes" war auf Exklusion gepolt

Dennoch wurde „der Jude“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland stärker als in Frankreich als „der Fremde“ wahrgenommen. Dies lag, wie es der Historiker Heinz Wismann formulierte, auch daran, dass der in Deutschland bis 1871 empfundene Mangel eines einheitlichen Staatsgebietes mit der Idee eines deutschen „Volksgeistes“ kompensiert worden war. Das romantische Konzept des „deutschen Volkes“ war anders als das jeden Bürger einschließende französische Staatskonzept der Anlage nach auf Exklusion gepolt. Dieser konzeptionelle Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich setzte sich im 20. Jahrhundert fort.

Eine dezidiert antisemitische Politik sei in Frankreich erst 1940 auf Betreiben der mit den Nazis assoziierten Vichy-Regierung erfolgt, erklärt der deutsch-französische Historiker Etienne François, Gründungsdirektor des Berliner Centre Marc-Bloch. Und selbst dann noch sei das Konzept des Citoyen derart wirkmächtig gewesen, dass selbst konservative Milieus mitunter versucht hätten, wenigstens die französischen Juden vor der Deportation zu bewahren. „Die antisemitische Politik ist in Frankreich gescheitert“, sagt François. „Ein großer Teil der französischen Bevölkerung hat diese Politik nicht unterstützt. So haben zwei Drittel der französischen Juden die Shoah überlebt.“